3. Großer Ratschlag


Hier unser Bericht vom dritten großen Ratschlag im Bürgerzentrum West am 01.07.2012

Die eingangs gestellten Fragen lauteten:

  • Wie kann der Autoverkehr deutlich zurückgedrängt werden?
  • Wie erreichen wir einen bezahlbaren, leistungsfähigen Nahverkehr?
  • Wie können alle Verkehrsformen (Fuß, Rad, ÖPNV, …) eingebunden werden?
  • Reicht es, sich allein auf Stuttgart zu konzentrieren?
  • Wie erreichen wir die Menschen, etwas zu ändern?

Die in der Gruppe erarbeiteten Antworten darauf:
Wir brauchen einen leistungsfähigen ÖPNV, der aber vernetzt ist über die Stadtgrenze hinaus. Das Tarifgebiet sollte groß sein, damit man sich nicht durch einen Dschungel von unterschiedlichen Tarifstrukturen kämpfen muss. Da spielt auch Informationsklarheit mit rein, der Automat muss mir immer das günstigste Ticket verkaufen, die Tickets müssen für alle bezahlbar sein (Sozialticket). Und ein integraler Taktfahrplan ist besonders wichtig, also dass die Umsteigelinien auf einander warten und es Knotenpunkte mit günstigen Umsteigewegen gibt. Es sollte Automaten im Fahrzeug geben, damit ich einsteigen kann, wann immer ich will. Das gilt natürlich insbesondere für den Regionalverkehr, aber auch der Komfort an der Straßenbahn-Haltestelle spielte bei uns eine Rolle in der AG. Wenn die Ampelschaltungen zur Haltestelle so geregelt sind, dass man nicht über die Straße kommt wenn die Bahn sich der Haltestelle nähert, dann muss man als „Normalbürger“ schon laufen. Eingeschränkte Personen sind dadurch erst recht diskriminiert und dürfen der Bahn hinterschauen.
Wenn das alles umgesetzt würde, dann würde auch Autoverkehr auf die Schiene verlagert werden. Als Beispiel wurde hier genannt, eine Verbindung von Ludwigsburg, Leonberg über Zuffenhausen und Feuerbach nach Vaihingen und zum Flughafen über die Gäubahn (welches bekanntermaßen Bestandteil der Schlichtung war). Beispielhaft wurde auch der KVV genannt, der Karlsruher Verkehrsverbund, der bereits kurz hinter Stuttgart seine ersten Züge zeigt (ab Bietigheim mit dem KVV bis nach Rastatt. Und der KVV ist sogar über die Landesgrenzen hinaus vernetzt, mit einem Ticket kann ich auch im rheinland-pfälzischen Gebiet des KVV fahren.

Aber der Nutzer eines Verkehrsangebotes wird meist nicht über die wahren Auswirkungen seiner Nutzung informiert. Oder wissen Sie, wieviel Strom eine Straßenbahn verbraucht? Bei Ihrem eigenen Auto könnten Sie das vielleicht noch wissen, aber was ist mit dem Taxi? Dem Bus? Und was hat die Herstellung dieser Verkehrsmittel an Energie verbraucht? Und vorallem, wieviel Fläche, wieviel Boden, wieviele Ressourcen werden verbraucht durch die Nutzung dieser Verkehrsmittel? In den letzten Tagen und Wochen ist das Thema Lithiumabbau in Chile und China in einigen Medien schon thematisiert worden.
Wenn diese wahren Kosten (oder auch „Auswirkungen“) dem Nutzer zur Verfügung stehen würden, dann könnte dieser effektiver entscheiden, welches Verkehrsmittel er gerade jetzt nutzen möchte. Als Beispiel wurde hier genannt, dass in einigen Ländern nicht nur die Nutzer von öffentlichen Parkplätzen Standgebühren zahlen müssen, sondern auch die Nutzer von Firmenparkplätzen (da der Boden für diesen Parkplatz quasi nutzlos verschwendet wird, die Autofahrer könnten ja auch andere Verkehrsmittel nutzen und dann könnte man den Boden sinnvoll nutzen). Aber auch die City-Maut oder eine Nahverkehrsabgabe zur Finanzierung eines vergünstigten oder sogar freien Nahverkehrs wurden genannt (Wir haben uns geeinigtet, dass kostenloser Nahverkehr die falsche Bezeichnung ist, denn der Nahverkehr ist ja nicht kostenlos, er wird hierbei nur auf andere Art finanziert).

Da Mobilität und das Bedürftnis danach Bedürftnisse des Menschen an sich sind – wie das Atmen – sollte die Mobilität als Grundbedürftnis in die Versorgungspflichten der öffentlichen Hand aufgenommen werden. Dass würde bedeuten, dass die Stadt – oder die von ihr beauftragten Versorger – nicht nur den Bürger mit günstigem Wasser, einem günstigen, einfachen Telefonanschluß und Fernsehangebot versorgen müssen, sondern auch mit einem Angebot an Mobilität. Das vermissen aber viele und fühlen sich durch das derzeitige Angebot an Mobilität diskriminiert (siehe oben der soziale Aspekt der Tarife). Hier nur einige Negativbeispiele:

  • Fahrradmitnahme ist in vielen Zügen nur eingeschränkt oder garnicht möglich.
  • keine klare Tarifstruktur (die DB AG will dem Kunden gar nicht den Durchblick durch den Tarifdschungel verschaffen, sie hat kein Interesse an einem leistungsfähigen Verkehrsangebot)
  • Zugang zu Bahnhöfen nur über Treppen, Rolltreppen oder Aufzügen, die meist auch noch kaputt sind
  • kleine Eisenbahnstrecken werden geschlossen und durch ein schlechtes Angebot an Busverkehren ersetzt.
  • (aktuelle) Informationen oft nur noch per modernen Telefonen mit Internet-Zugang abrufbar. Die Anzeige am Bahnsteig zeigt nur den regulären Zug an.

Wir haben auch das Thema Elektromobilität angesprochen. Die Politik (und die Wirtschaft) ist derzeit in einem Rauschzustand, wenn das Wort Elektromobilität (oder kürzer E-Mobilität) fällt. Die großen Autohersteller überschwemmen derzeit deutsche Großstädte mit Angeboten zu öffentlich und jederzeit verfügbaren elektrisch angetriebenen Fahrzeugen („Car-Sharing“). Die Bahn hat es vor zwei, drei Jahren vorgemacht mit ihren Leihfahrrädern und ihren Leihautos. Das Prinzip ist einfach: in andere Märkte gehen um sich dort zu platzieren, die Volkswirtschaft nennt das einen horizontalen Markt. Der Markt ist hier das Mobilitätsbedürftnis der Bürger und die Bahn (oder eben die Autofirmen) bietet unterschiedliche Produkte an, das Bedürftnis des Kunden zu befriedigen. Wenn BMW neben Fahrzeugen zum Kaufen und Mieten auch noch Elektrofahrzeuge zum Leihen („Taxi zum Selberfahren“) auch noch Motorräder, Fahrräder und Straßenbahnfahrten und Schuhe anbieten würde, dann wäre das ein ausgefüllter horizontaler Markt.
Und Stuttgart ist derzeit Modell- und Schaufensterregion für Elektromobilität in Zusammenarbeit mit Daimler. Die SSB, Daimler, die EnBW und viele Koorperationspartner im Bereich des privaten Konsums wollen demnächst die sogenannte Mobilitätskarte anbieten. Die Karte an sich gibt es schon und man kann damit die Angebote der SSB nutzen und auch die E-Smarts von Daimler ausleihen, aber es sollen noch viele weitere Angebote dazukommen.
Die Mobilitätskarte der Stadt Stuttgart in dieser Form ist aber aus unserer Sicht nicht geeignet, Verkehr auf die Schiene zu verlagern. Sie ist eher ein Mittel zum Zweck Anwohner aus den Randbezirken in die Innenstadt zu locken, damit diese dann dort ihr Geld ausgeben.

Auch das Thema Luftschadstoffbelastung wurde in unserer Gruppe angesprochen. E-Mobilität ist nicht geeignet, die Luftschadstoffwerte zu senken.

  • Das E-Verkehrsmittel muss gebaut und produziert werden und dabei entstehen eher sogar mehr Schadstoffe als beim konventionellen Auto (durch Lithiumabbau im Urwald Lateinamerikas zum Beispiel)
  • Das E-Verkehrsmittel Auto oder Roller hat genauso Reifen und Bremsen und die produzieren ebenso Feinstaub wie beim konventionellen Auto
  • Der Strom muss produziert werden und das wird heute noch zu einem großen Teil mit Kohlekraftwerken oder Atomkraftwerken gemacht. Ein konventioneller Diesel oder Benziner ist im Vergleich zu einem Elektroauto unter Umständen besser gestellt

Diese Aspekte des Verkehrs

  • ökologisch (Umweltverträglichkeit)
  • ökonomisch (Wirtschaftlichkeit)
  • globale Auswirkungen
  • demokratisch und nicht diskrimierend
  • sozial

wurden von uns auf einen Punkt reduziert:
Im Prinzip geht es genau wie beim Thema Müll und Abfall um Vermeidung.
Das Thema Müllvermeidung ist in vielen Köpfen bereits angekommen, aber das Thema Vermeidung von unnützen Bewegungen ist noch nicht in den Köpfen angekommen.
Da muss man sich als Nutzer die Frage stellen, ob es sinnvoll ist mit einem großen Geländewagen (neudeutsch SUV) durch die Gegend zu brettern. Ob man wirklich jedes Jahr auf die Philippinen fliegen muss. Ob man wirklich jedem Sonderangebot hinterher fahren muss um am Ende ein paar Cent gespart zu haben.
Und von da kommt man dann gleich zum Thema Stadtplanung. Ist es wirklich sinnvoll ein Riesen-Einkaufszentrum nach dem anderen auf der grünen Wiese zu bauen? Zum Flächenverbrauch auf der Wiese kommt noch das Ladensterben in den Vierteln hinzu. Das Viertel verfällt, die Bausubstanz geht den Bach runter und am Ende kauft ein Investor den ganzen Block und baut dann neue Büros mit Penthouse-Wohnungen. So kommt alles am Ende auf einen Punkt aus: Vermeidung!

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