Die verlogene Verkehrsideologie


Mobilität.  Was ist das eigentlich?

Wenn wir gemeinhin von Mobilität sprechen, dann haben wir allzu oft das Auto (oder das Flugzeug) im Hinterkopf. Mobilität sei die Freiheit oder Möglichkeit, hierhin oder dahin zu fahren oder auch zu fliegen.

Dabei meint Mobilität nichts anderes als Bewegungsfreiheit, völlig lösgelöst von irgendwelchen Fortbewegungsmitteln. In unserer Automobil-fixierten Welt wird aber gleich alles, was mit Bewegung zu tun hat mit dem Auto verbunden.

Aber wozu bewegt man sich? In der Entstehungsgeschichte der Erde war Mobilität, sowohl für Mensch als auch für Tiere, immer ein Faktor, der über Leben und Tod entscheiden konnte. Mobilität war wichtig zur Nahrungssuche, zur Flucht vor Raubtieren oder um neue Reviere aufzubauen. Wer nicht mobil war, so wie die Pflanzen, musste andere Strategien entwickeln um zu überleben.

Heute bewegen wir uns vor allem zwischen drei verschiedenen „Orten“: Zu Hause, der Arbeitsstätte und Freizeitaktivitäten. Während die motorisierte Mobilität sich im Jahre 1937 auf ca. 2.000 Kilometer pro Jahr und Einwohner beschränkte bewegen wir uns heute gute 14.000 Kilometer (2009) weit (Quelle: Statistisches Bundesamt, zitiert aus K. Gietinger, 2010). Das sind pro Tag im Jahre 1937 etwa 6 Kilometer und 2009 etwa 37 Kilometer. Sind wir deswegen freier oder mobiler?

Die Pro-Kopf-Reisezeit, also die Zeit, die wir uns am Tag bewegen, beträgt seit Jahr und Tag etwa 75 Minuten. Das zeigen nahezu alle Mobilitätsuntersuchungen der vergangenen Jahre (Quelle: MID 2002 und 2008 oder Shell-Studie 2001, zitiert aus K. Gietinger, 2010). Auch die Zahl der täglichen Wege bleibt seit Jahrzehnten konstant. Wir „bewegen“ uns etwa 3,5 mal am Tag.

Da die Mobilität in Kilometern pro Jahr zugenommen haben, die Zeit und die Zahl der Wege aber nahezu gleich geblieben sind, muss sich zwangsläufig die Geschwindigkeit, mit der sich der Mensch bewegt, geändert haben. Und tatsächlich, 1937 lag die Durchschnittsgeschwindigkeit bei etwa 5 Kilometern pro Stunde, 2009 bei 30 Kilometern pro Stunde im Durchschnitt auf alle Bewohner.

Während sich die Menschen also vor 75 Jahren also 75 Minuten am Tag bzw. 3,5 mal am Tag insgesamt 6 Km weit bewegten, bewegen wir uns heute ebenfalls 75 Minuten am Tag bzw. 3,5 mal, aber 37 Kilometer weit.

Qualitativ gewonnen haben wir allerdings dadurch nichts. Die Angebote, die wir wahrnehmen sind nicht besser weil sie weiter weg liegen. Mobilität, so wie wir sie heute verstehen sollen, ist ein fauler Zauber, ein Fetisch. Es hat nichts mit Freiheit oder mit Lebensqualität zu tun.

Das Fahrzeug Auto ist ein gigantischer Flächenverbraucher. Der Staat stellt diese Flächen praktisch kostenlos zur Verfügung, bezahlt werden müssen die Schäden, die dadurch entstehen aber von der Gemeinschaft, also von uns allen. Abgesehen von der LKW-Maut und den Parkgebühren werden keine weiteren direkten Abgaben erhoben, die KFZ- und die Ökosteuer sind nur indirekt als Abgabe auf die Straßennutzung zu verstehen, da sie auch bei Stillstand anfallen bzw. die Ökosteuer wird seit 1999 zur Sanierung der Sozialversicherung erhoben.

Das Fahrzeug Auto ist weiterhin eigentlich ein Stehzeug, denn mehr als 90% bis 95% der Zeit steht das Fahrzeug und blockiert somit wertvollen städtischen Raum. Wenn das Stehzeug dann irgendwann mal fährt, braucht es Platz. Wenn man die Fläche, die ein Fahrzeug zum bremsen braucht, berechnet, dann kommt man mit zunehmender Geschwindigkeit auf gigantische Quadratmeterzahlen, die nicht zur Nutzung durch andere Fahrzeuge oder überhaupt andere Verkehrsteilnehmer zur Verfügung stehen (wenn man einmal davon absieht, dass die Straße sowieso nicht beispielsweise als Wohnraum zur Verfügung stehen kann).

Foto Walter Steiger

Foto Walter Steiger

So hat ein gängiges Mittelklassefahrzeug bei 50 Stundenkilometern einen Bremsweg von ca. 10 Metern, mit der Reaktionszeit des Fahrers verlängert sich der Weg auf 24 Meter. Inklusive der Länge und Breite des Fahrzeugs sind das 50 Quadratmeter Fläche, die so bei einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern verbraucht werden, bei 70 km/h werden nahezu 80 qm verbraucht und bei 100 km/h 130 qm. Bei einem Besetzungsgrad von 1,33 Personen im Bundesdeutschen Durchschnitt wären das also um die 100 qm Flächenverbrauch pro Person bei einer Reisegeschwindigkeit von 100 km/h. Bei einem vollbesetzten ICE (Reisegeschwindigkeit 330 km/h, 500 Sitzplätze, 400 Meter Länge und 4000 Meter Bremsweg) beträgt der Flächenverbrauch pro Person 27 Quadratmeter.

Das Auto, dass soviel Freiheit verspricht, begrenzt also allein schon durch den Flächenverbrauch die Freiheit der anderen Verkehrsteilnehmer.

Schöne neue Mobilitätswelt!

Dass neue Straßen neuen Verkehr anziehen und somit zu noch mehr Stau führen können Sie hier nachlesen.

Weiterhin lesenswert: N-TV und Deutschlandfunk.

Zusammenfassende Folien: Vortrag_Verkehr_20140227.

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2 Antworten zu “Die verlogene Verkehrsideologie

  1. Pingback: Weg mit dem Auto | Neckartor Bürgerinitiative

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