Die verlogene Verkehrsideologie Teil 2


Der morgendliche Stau. Schuldige sind schnell gefunden, zum Beispiel die Müllabfuhr oder die Radfahrer (siehe in der vorletzten Antwort unten) oder oder oder.

Dabei sollten sich zivilisierte Menschen zuerst einmal selbst an die Nase fassen und sich fragen, was sie denn selbst zur Lösung des Problems beitragen könnten anstatt den Dreck vor des Nachbarn Tür zu bemängeln.

Es ist nämlich das Auto selbst, dass den Stau verursacht, nicht die Müllabfuhr und auch nicht der Radfahrer oder die Fußgänger oder sonst jemand.

Quelle Wikipedia

Eine Straße ist nämlich eine Ansammlung von aneinander gereihten Engpässen. Beseitigt man einen Engpass (zum Beispiel die Ampelkreuzung an der Wilhelma untere Pragstraße) und ersetzt diesen Engpass durch eine neue Straße (in diesem Fall den Rosensteintunnel), dann taucht binnen kürzester Zeit der nächste Engpass auf an dem sich dann die Staus bilden (in diesem Fall beispielsweise der Teiler B10/ B14 am Leuze oder der Abzweig B10/B14 nach Waiblingen).

Und sogar auf einer schnurgeraden Straße ohne Abzweigungen oder Kreuzungen können sich innerhalb weniger Sekunden Staus bilden. Auch sind die Autos (bzw. die Autofahrer) schuld, die durch Beschleunigen und Bremsen und Lückenspringen andere Autofahrer zu abrupten Bremsmanövern zwingen die sich dann wellenförmig zu einem Stau aufbauen.

Die Beseitigung einer Engstelle ist also immer nur solange gut, wie unveränderte Bedingungen herrschen (gleiche Fahrzeugmenge, gleiche Geschwindigkeit). Sobald sich etwas verändert, kommt es wieder zu einem Stau. Im Gegenteil, es ist sogar so, dass die Beseitigung einer Engstelle selbst neuen Verkehr anzieht, denn plötzlich ist es an dieser Stelle ja einfacher durchzukommen, also strömen alle Fahrzeuge aus der Umgebung zu diesem neuen „Loch“ um schneller an das Ziel zu gelangen. Damit schließt sich das „Loch“ schneller wieder als geplant, bis sich mit allen anderen Engstellen wieder ein Gleichgewicht einstellt.

Deshalb sind auch sämtliche Maßnahmen zur Verkehrsverflüssigung eigentlich Quatsch, denn es kann immer nur an einer Stelle verflüssigt werden bis sich wieder ein neuer Stau bildet. Die Maßnahmen sollten also auf Verkehrsvermeidung anstatt auf Verkehrsverflüssigung ausgerichtet sein.

In Stuttgart ergibt sich allerdings noch ein zusätzliches Problem: das Verkehrssystem ist insgesamt an seiner Kapazitätsgrenze angekommen.

Sowohl der ÖPNV als auch der motorisierte Individualverkehr kann nicht weiter gesteigert werden geschweige denn ausgebaut werden.

  • S21 betoniert den Talkessel in Querlage zu, der eigentlich nötige Ausbau des S-Bahnnetzes kann in Zukunft weder finanziell noch bautechnisch gestemmt werden, da der Querriegel des neuen Bahnhoftrogs den Talkessel blockiert. Ein neuer S-Bahntunnel müsste unter dem Trog undurchgeführt werden, in der Mineralwasser führenden Gesteinsschicht. Der derzeitige Tunnel Hauptbahnhof tief Schwabstraße Universität ist derzeit mit 6 Linien im 15 Minutentakt (ca. 2 Minuten Abstand zwischen zwei Zügen) an seiner Kapazitätsgrenze. Eine Steigerung der Kapazität kann nur über längere Züge (alle Linien mit 3 Wagen) oder über einen zweiten Tunnel erfolgen. Gerade im Berufsverkehr kommt es bei hohen Fahrgastzahlen immer wieder zu Verspätungen weil die Fahrgäste als eine Minute zum Einsteigen und Aussteigen brauchen und dann der nachfolgende Zug warten muss.
  • Das gleiche gilt für den Ausbau der bestehenden Stadtbahntunnel Staatsgalerie Charlottenplatz bzw. Hauptbahnhof Staatsgalerie bzw. Bürgerhospital Hauptbahnhof. Diese sind ebenfalls mit derzeit 6 Linien an der Haltestelle Staatsgalerie bzw. am 12 Linien am Hauptbahnhof (auf 4 Bahnsteigen) und 4 Linien am Schloßplatz ebenfalls an ihrer Kapazitätsgrenze. Eine Steigerung kann hier ebenfalls nur über längere Züge oder neue Tunnel erfolgen. Auch hier können die Züge aufgrund des dichten Taktes nicht häufiger fahren und bei hohem Verkehrsaufkommen verzögern lange Ein- und Ausstiegszeiten den Halt.
  • Aber auch oben auf der Straße sieht es nicht besser aus. Beispiel Wolframstraße: Sie wird jetzt im Rahmen des Baus des Milaneos zum nördlichen Teil des City-Rings ausgebaut da die Schillerstraße aufgrund der Bauarbeiten am Nesenbachdüker nur eingeschränkt befahrbar sein wird. Die alten Eisenbahnbrücken verhindern aber erstens den Ausbau der Straße. Zweitens wird es für mehrere Jahre eine extreme Engstelle an der Ecke Wolfram- und Nordbahnhofstraße geben, die für den Verkehr im Allgemeinen und die LKW im Besonderen ein großes Hindernis darstellen wird.
  • Beispiel Neckartor: Der Rosensteintunnel wird laut Gutachten nach Fertigstellung ca. 20.000 Fahrzeuge mehr zum Neckartor bringen. Das Neckartor ist mit seinen 6 Spuren aber bereits an seiner Kapazitätsgrenze angekommen (von der Feinstaubbelastung mal ganz abgesehen). Deshalb befürchten die Anwohner – gerade im Hinblick auf die kommenden Baustellen an der B14 – einen erheblichen Schleichverkehr durch ihr Viertel. Ausgebaut werden kann das Neckartor nicht, die Gebäude links und rechts der Straße und der mittlere Schloßgarten begrenzen die Straße. Pläne, die Straße unter die Erde zu verlegen dienen nur dazu, die Autos aus dem sichtbaren Umfeld zu beseitigen. Gewonnen hat man dadurch nichts.
  • Beispiel Heilbronner Straße: Auch hier begrenzen die Gebäude den Ausbau, eine Verlegung der Straße unter die Erde ist an dieser Stelle sowieso nicht möglich, da sowohl die Stadtbahntunnel als auch die Eisenbahntunnel von S21 den Raum nach unten begrenzen.

Deshalb kann die oberste Maxime der Stadt derzeit nur heißen, dass Niveau möglichst zu halten. Ein Auspendeln der Verkehrsauslastung weder zu der einen (ÖPNV) noch zu der anderen Seite (Motorisierter Individualverkehr) kann das Ziel sein, denn das würde ein Zusammenbrechen des Systems bedeuten. Niemand gibt es zu, aber auch der Schleichverkehr durch die Wohnviertel nützt dem Gesamtsystem, denn so werden die Hauptverkehrswege entlastet und die Feinstaub-, Verkehrslärm- und Luftschadstoffbelastung „solidarisch“ gleichmässig auf die ganze Stadt verteilt.

Man sieht also, alles läuft auf Verkehrsvermeidung hinaus. Alles andere führt unweigerlich ins Chaos.

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2 Antworten zu “Die verlogene Verkehrsideologie Teil 2

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