Bäume als Stadtmöbel


Im Amtsblatt Ausgabe 23/24 vom 5. Juni 2014 der Stadtverwaltung Stuttgart darf sich Bürgermeister Thürnau über den wachsenden Baumbestand in Stuttgart freuen. Der alte Mammutbaum in der Wilhelma konnte gerettet werden, da die Baustelle Rosensteintunnel um den Baum „herum organisiert“ wurde. Die Mammutbäume am Schiffsanleger Neckarkäpt’n dagegen konnten nicht gerettet werden. Und mit 268 potentiellen Standorten für Straßenbäume wird Stuttgart „noch grüner“. Friede, Freude, Eierkuchen.

Dass die im Rosensteinpark und im Schloßgarten gefällten Bäume summa summarum etwa 700 Stück ergeben (allein am heutigen GWM wurden am schwarzen Donnerstag 300 Bäume gefällt, im Rosensteinpark rund 200 entlang der Prag- und Neckartalstraße, weitere rund 100 an der Ehmannstraße, 100 am Wilhelma-Parkhaus, eine unbekannte Zahl am Leuze, 10 am Königin-Katharina-Stift *) und diese teilweise mehrere hundert Jahre alt waren mit einem Stammdurchmesser von mehr als einem Meter und Kronen mit hunderttausenden Blättern, die jetzt durch mickrige dürre Stämmchen in Straßen und auf Parkplätzen ersetzt werden, das verrät das Amtsblatt natürlich nicht.

Ebenso wird nicht erwähnt, dass Straßenbäume aufgrund der Belastungen durch Lärm, Dreck, Erschütterungen und Wassermangel nicht besonders alt werden und schon gar nicht den Kronen- und Stammdurchmesser von Parkbäumen erreichen. Herr Thürnau darf als für das Garten-, Friedhofs- und Forstamt zuständiger Bürgermeister zwar von 12 Kubikmeter (Würfel mit Kantenlänge von etwa 2,3 Metern!) großen Pflanzgruben und 16 Quadratmeter (4 x 4 Meter!) großen Baumbeeten schwärmen (hört sich wahnsinnig viel an), aber wenn man beispielsweise auf der Urbanstraße, wo derzeit Bäume gepflanzt wurden, mal nachmisst, wird man feststellen, dass die Baumscheiben keineswegs 16 Quadratmeter groß sind.

Welchen Stellenwert Bäume haben kann man sehr gut im neu errichteten Europaviertel sehen. Dieses Viertel ist so architekturbetont und durch  Beton dominiert, dass Bäume hier allenfalls noch Dekoration oder schmückendes Beiwerk sind. Hier zum Beispiel der Pariser Platz in einer Simulation im Jahre 2010. In der „Wolke Sieben“ ist das Grün eher innen als außen zu finden und auch der Platz an der neuen Sparkassenakademie sieht nicht besser aus. Das werden sicher attraktive Stadtviertel werden, die auch nachts und am Wochenende vor Leben nur so sprudeln. Auch das Gerangel um die Architektur der neuen Bibliothek, Wasserspiele, Baumängel und die Tauben die hier zeitweise eingezogen waren, ist noch nicht vergessen.

Wie sich das Grün in der Stadt weiter entwickelt ist derzeit nicht klar. Offiziellen Zahlen zu Folge hat sich die Zahl der Straßenbäume erhöht von 38.720 auf 38.966 (+ 246), auch die Zahl der Kinderspielplätze (+ 129 von 10.579 auf 10.708) und der Natur- und Landschaftsflächen (+196 von 4037 auf 4233)  hat sich erhöht, aber die Zahl der Bäume in Parkanlagen ist um 697 zurückgegangen (von 32.966 auf 32.269). Die Veränderungen im Baumbestand auf Stuttgarter Waldflächen sind hier gar nicht aufgeführt. Der Baumbestand ist nur in statischen Zahlen erfasst und veröffentlicht.

Von ca. 5000 Hektar Stuttgarter Waldfläche sind etwa 30% geschützt, aber der Rest ist Wirtschaftswald, der entweder der Stadt Stuttgart, der Stadt Esslingen, dem Bund oder dem Land oder privaten Investoren gehört, die damit vor allem Geld verdienen wollen. Nach derzeitigem Stand könnten

35.000 Kubikmeter Holz oder 5 LKW-Ladungen am Tag (Quelle Stuttgart.de)

geerntet werden, wie hier beispielsweise Ende 2013 im Haldenwald geschehen. Ob diese Zahl nachhaltig ist (also ob die gleiche Menge Holz am Tag nachwächst), ist nicht genannt.

* Zahlen aus eigener Recherche, Zahlenangaben in den einzelnen Quellen parkschuetzer.de; bei-abriss-aufstand.de und weitere schwanken aufgrund der Stammdurchmesser und der Beurteilung ab wann ein Baum ein Baum ist, deshalb jeden Ort nur je einmal gezählt. Die unterschiedlichen Angaben zu Anzahl der Bäume und Stammdurchmesser ist ein Mittel der Projektbetreiber, den Widerstand zu verwirren. Die tatsächlichen Zahlen können deshalb wesentlich höher liegen, außerdem wurden kleinere Fällungen (z.B. 3 Bäume im Hof der IHK Jägerstraße) oftmals nicht offiziell oder nachvollziehbar mit Fotos dokumentiert.

Aktualisierung vom 18.10.2015: Weitere Bauprojekte: Ballettschule John-Cranko-Akademie 65 Bäume, unbekannte Anzahl am Wasserwerk am Kanonenweg, rund 20 bis 30 Bäume auf der Schillerstraße sind unmittelbar bedroht, weitere Projekte werden mit Sicherheit folgen.

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4 Antworten zu “Bäume als Stadtmöbel

  1. Pingback: Der Weg ist frei | Neckartor Bürgerinitiative

  2. 40 Bäume wurden am Uhlbach/Untertürkheim gefällt, ca. 100 Bäume entlang der Heilbronner Straße, am Wagenburgtunnel ca. 30.

  3. Hallo Nina. Im Jahr 2012 haben wir überschlägig etwa 350 Bäume gezählt. Siehe dazu https://bineckartor.wordpress.com/2012/10/27/unser-stadtklima-ist-bedroht/

  4. Pingback: Urbanität geht nicht, wenn zuwenig Rücksicht genommen wird | Neckartor Bürgerinitiative

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