Brauchen wir Einkaufszentren?


Die CDU-Stuttgart fragt aktuell, ob Einkaufszentren Parkplätze brauchen.

Liebe Stuttgarter CDU,

Diese Frage ist berechtigt. Diese Frage ist aber gerade mal soweit gedacht, wie ein Kind einen Kirschkern spucken kann. Denn eigentlich müsste die Frage lauten: Brauchen wir Einkaufszentren? Dann stellt sich auch die Frage nach den Parkplätzen und dem dadurch verursachten Parkplatzsuchverkehr nicht.

Was für eine Frage, möchte man sagen. Selbstverständlich brauchen Einkaufszentren Parkplätze, und zwar ausreichend viele, damit die Kunden, die mit dem Auto kommen, dieses in nicht allzu weiter Ferne vom Einkaufsort abstellen können. Es nützt nichts, wenn die Parkmöglichkeit kilometerweit weg ist, so dass zum Erreichen des Einkaufszentrums noch ein strammer Fußmarsch unternommen oder wenn vorhanden, auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen werden muss. Gegen die beiden Fortbewegungsarten ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil, sie sind umweltschonend und ihre Nutzung in jeder Hinsicht vorbildlich. Doch die Erfahrung zeigt nun einmal, dass viele Kunden ihre Einkäufe, insbesondere große und schwere, mit dem eigenen Wagen erledigen.

Zunächst einmal ist es lobenswert, dass Ihnen aufgefallen ist, dass man auch zu Fuß einkaufen gehen kann. Einen strammen Fußmarsch muss man dagegen nicht unbedingt hinlegen, wenn man sich fußläufig und wohnortnah mit Lebensmitteln und dem täglichen Bedarf versorgt. Bei uns am Neckartor ist das zur Zeit noch möglich. Wir hoffen, dass das Milaneo, dass übrigens unter Ihrem Bürgermeister Schuster beschlossen wurde, uns diese Möglichkeit der Nahversorgung nicht wegnimmt und dass die Geschäfte auf der Neckarstraße noch etliche Jahre bestehen bleiben.

Sicher, es gibt auch noch andere Dinge, die man ab und zu mal transportieren muss. Statistiken zeigen aber, dass die mit dem Auto erledigten Einkäufe in der Regel auch mit dem Fahrrad hätten erledigt werden können. Denn es werden in den wenigsten Fällen schwere Wasserkästen transportiert. Das Auto steht halt vor der Tür und es ist bequem. Und wenn man nur kurz zum Supermarkt muss um Sahne zu holen? Ach, egal mit dem Auto geht es schnell und es sind ja soooo viele Parkplätze vorhanden (im Fall des Milaneo aus Ihrer Sicht jetzt vielleicht nicht genug). Und war es nicht Ihr OB Schuster, der dem Milaneo noch zusätzliche Parkplätze geschenkt hat und damit das Milaneo noch attraktiver gemacht hat für diese schnellen, spontanen Einkäufe?

Das wusste man auch beim Bau des kürzlich eröffneten Milaneo. Dieses große Einkaufszentrum mit 200 Läden und Lokalen in der Stuttgarter Mitte ist ein Magnet für die Menschen nicht nur aus Stuttgart, sondern auch aus dem weiteren Umland. Das ist gut und erfreulich, haben sich doch im Vorfeld manch kritische Stimmen vernehmen lassen, die der Stadt eine Übersättigung an Einkaufsmöglichkeiten zusprachen. Das Milaneo wie auch das neue Gerber tun der Stadt gut. Es entstehen Arbeitsplätze hier, es wird Kaufkraft hier gebunden und darüber hinaus gibt es positive Effekte, wie die Angebotsvergrößerung an innerstädtischem Wohnraum.

Das Milaneo ist gut, gut für die Region, aus der Kaufkraft nach Stuttgart abgezogen wird. Der Esslinger OB Zieger (SPD) spricht sogar von einer Kannibalisierung der Einzelhandelsstandorte. Das Milaneo ist auch gut für Stuttgart, denn der zusätzliche Verkehr verursacht weitere Tonnen an Feinstaub, Kohlendioxid, -monoxid und Stickoxiden in der Luft im Stuttgarter Talkessel. Es ist auch gut für Stuttgart und die Region, denn hier werden Arbeitsplätze im Einzelhandel vernichtet, denn die kleinen inhabergeführten Fachgeschäfte können gegen die Dominanz der Einkaufszentren nicht ankommen. Entweder sie lassen sich assimilieren und ziehen selbst in ein solches Zentrum oder sie werden schließen müssen (Friss oder stirb!). Haufler am Markt und Foto Hirrlinger mussten schließen, der City-Baumarkt West schließt, Spielwaren Kurtz hat sich verkleinert, Karstadt Stuttgart schließt, Hugendubel schließt (Artikel 1 und Artikel 2). Wenige Wochen nach der Eröffnung von Milaneo und Gerber schon von einem Zusammenhang zu sprechen ist natürlich äußerst weit hergeholt. Aber das Fachgeschäftesterben hat auch nicht erst mit der Eröffnung vom Milaneo begonnen sondern ist ein schleichender Prozess, der seit Jahren andauert und auf das Internet, aber eben auch auf die Einkaufszentren zurückzuführen ist, die europaweit wie Pilze aus dem Boden schießen und vor allem einem Zweck dienen: das Geld von Immobilienfonds in vermeindliches Betongold zu gießen. In den nächsten 3 Jahren werden in Baden-Württemberg etwa eine Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche mehr erwartet, obwohl der Einzelhandel insgesamt eher stagniert.

Doch zurück zum Shoppen im Milaneo. Wenn es jetzt heißt, dass nicht abzusehen war, dass mehr als die vorhandenen Parkplätze benötigt werden, ist das nicht richtig. Der Bauherr wäre bereit gewesen, deutlich mehr Parkplätze zu bauen. Doch man drückte die Zahl nach unten auf 1680 Plätze für den Gesamtkomplex. Die öko-linke Mehrheit plädierte sogar für eine noch geringere Stellplatzzahl. Die CDU-Fraktion hatte gut vernehmbar darauf hingewiesen, die Parkplätze nicht zu stark zu reduzieren – zum Glück. Denn hätten die anderen sich weiter durchgesetzt, wäre der jetzt eingetretene Negativ-Effekt, dass die umliegende Wohnbevölkerung aufgrund des vorherrschenden Parkdrucks leidet, wohl noch größer gewesen. „Leider gab es aufgrund der Mehrheitsverhältnisse von vornherein keine Basis, um mehr Parkplätze durchzusetzen“, erklärt Fraktionsvorsitzender Alexander Kotz. Die Quittung für die grün-rot-rote Haltung im Gemeinderat bekommen wir jetzt. Aber natürlich will es jetzt keiner gewesen sein.“

Noch mehr Parkplätze, das würde noch mehr Verkehr, noch mehr Staus, auf den Bundesstraßen, noch mehr Feinstaub, Kohlendioxid, -monoxid und Stickoxide, noch mehr abgezogene Kaufkraft aus der Region und damit noch mehr vernichtete Arbeitsplätze und noch mehr Ressourcen- und Bodenverbrauch bedeuten. Deshalb ist die Begrenzung der Parkplätze eine richtige Entscheidung gewesen. Städtebauexperten forderten im Planungszeitraum über den Hebel der Stellpätze Druck auf die Planer auszuüben, einen qualitativen Planungsentwurf vorzustellen. Den vorgestellten Entwurf hielten sie dagegen für städtebaulich wenig qualitativ. Die Umgebung der Bibliothek werde zu einer Bauwüste, eine monotone Nachbarschaft.

Wie Sie selbst richtigerweise schreiben, kommen ja bereits viele mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber die noch viel richtigere (wenn es dieses Wort überhaupt gibt) Entscheidung wäre gewesen, die Einkaufszentren Milaneo und Gerber sehr viel kleiner – oder am besten – überhaupt nicht zu bauen. Esslingens OB Zieger hält das Milaneo für verzichtbar. Bürgermeister Michael Föll dagegen hält die Entscheidung für die beiden Einkaufszentren Milaneo und Gerber nach wie vor für richtig. Er war von 1998 bis 2003 Vorsitzender der CDU Gemeinderatsfraktion.

Es ist eher so, dass jetzt niemand für das Milaneo an sich verantwortlich sein will.

[Stuttgart eröffnet (Ergänzung BI Neckartor)] “die offene Feldschlacht im Einzelhandel… . Ich schiebe das auch gar nicht Fritz Kuhn in die Schuhe. Irritierend finde ich nur, dass es in Stuttgart auf politischer Ebene inzwischen gar niemand mehr gewesen sein will, der das alles genehmigt hat. Festzuhalten bleibt: die Kannibalisierung der Einzelhandelsstandorte in der Stadt Stuttgart und der Region gewinnt an Schärfe. Und das ist nicht gerade ein Grundmuster für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.”

Esslingens OB Jürgen Zieger (SPD) Quelle StZ

Jetzt wieder die CDU Stuttgart:

Weitsicht sieht anders aus! Selbstredend muss der öffentliche Personennahverkehr in seiner Nutzung gefördert werden. Und das Beispiel Milaneo zeigt ja, dass erfreulicherweise viele Menschen diesen Verkehrsträger gern in Anspruch nehmen. Doch klar ist auch, dass ein Einkaufszentrum ausreichend viele Parkplätze vorhalten muss, damit nicht ein Zuparken der umliegenden Wohnbebauung stattfindet. „Wir können uns glücklich schätzen, dass unsere Stadtverwaltung so rasch reagiert und zunächst provisorisch den Verkehr in den betroffenen Gebieten so regelt, dass die Anwohner bestmöglich vor Verkehr und Lärm geschützt werden.“

Die Taktik, das Auto durch das geplante Manko an Stellplätzen aus dem Stadtverkehr zu verdrängen, geht eben doch nicht auf. „Und wir“, so Alexander Kotz, „wollen – anders als es die grün-rot-rote Politik macht – den Menschen nicht vorschreiben, wie sie ihre Einkäufe erledigen sollen.“

Richtig, Weitsicht sieht anders aus. Weitsicht wäre, die kleinen inhabergeführten Geschäfte und den Mittelstand im Einzelhandel zu fördern, damit die wohnortnahe Versorgung für die Bevölkerung erhalten bleibt.

Die StN zur Anzahl der Parkplätze im Milaneo und mögliche Ausweichparkhäuser.

Die Grünen haben ein besseres Parkleitsystem zum Schutz der Anwohner in Nord beantragt.

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3 Antworten zu “Brauchen wir Einkaufszentren?

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