Argumentiert wird mit Geister-Parkplätzen


Die Stadt möchte den Bessarabienplatz umgestalten (das Stuttgarter Wochenblatt berichtet in seiner aktuellen Ausgabe für die Stadtteile Berg, Frauenkopf, Gablenberg, Gaisburg und Ostheim). Dieser Platz, auf dem sich drei Straßen in Stuttgarter Osten kreuzen, nämlich die Stuifen-, die Florian- und die Roßbergstraße, liegt etwas versteckt nur wenige Meter entfernt vom Ostendplatz. Mehrere Geschäfte sind dort ansässig, ein Metzger, ein Bäcker, Friseure, eine Reinigung – alles Geschäfte, die der Grundversorgung der Anwohner in der direkten Nachbarschaft dienen. Außerdem ist dort das Bessarabienhaus gelegen. Dieser Platz soll breitere Fußwege erhalten, die auf dem Platz weiter in den Straßenraum ragen, durch Fahrradständer, Betonwürfel und Pfosten soll der Fußweg gegen Gehwegparker gesichert werden. Dadurch muss der Fußgänger nicht mehr zwischen den Autos hindurch gehen um die Straße zu überqueren und die derzeit im Kurvenbereich (illegal!) abgestellten Fahrzeuge werden so verdrängt.

Diese eigentlich lobenswerten Maßnahmen wurden vom Handels- und Gewerbeverein (HGV) aber argumentativ attackiert, da aufgrund dieser baulichen Veränderung Parkplätze für die Geschäftskunden wegfallen würden (Stuttgarter Wochenblatt).

Lieber Thomas Rudolph (Vorsitzender des HGV Ost).

Die Kunden des Metzgers oder des Bäckers am Bessarabienplatz kommen nicht mit ihrem Fahrzeug aus Vaihingen um in Stuttgart Ost einzukaufen! Die Kunden des Metzgers oder des Bäckers wohnen in der Stuifenstraße, in der Florianstraße, am Teckplatz, in der Landhausstraße und am Ostendplatz. Das sind alles Entfernungen, die man gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen kann. Wer in Stuttgart Ost wohnt und mit dem Auto einkaufen fährt, der fährt garantiert nicht zum Bessarabienplatz sondern der fährt im besten Fall noch in das Parkhaus am Ostendplatz und geht nur in den dortigen Supermarkt (in dem es auch eine Fleischtheke gibt, allerdings mit abgepackten Fleisch aus zweifelhafter Herkunft, der Metzger am Bessarabienplatz kennt dagegen seinen Schlachter noch persönlich). Wahrscheinlich fährt dieser Bewohner von Stuttgart Ost aber eher in eines der neuen umliegenden Einkaufszentren. Wenn Sie also zum Schutz der Geschäfte in Stuttgart Ost mit Parkplätzen und Erreichbarkeit per Auto argumentieren, dann graben Sie den Geschäften in Stuttgart in Wirklichkeit das Wasser ab, denn die Geschäfte in Stuttgart Ost – und das gilt nicht nur für den Bessarabienplatz, sondern auch für die Gablenberger Hauptstraße und auch für den Stöckach – haben ihre Kundschaft in den umliegenden Straßen. Wer ein Auto hat der fährt in eines der Einkaufszentren, dort kann er aus hunderten, teilweise kostenlosen Parkplätzen wählen. Der Stuttgarter Osten kann also gar nicht mit diesen Einkaufszentren konkurrieren, wenn es um Parkplätze geht. Sie sollten vielmehr die Nähe und die kundenfreundlichen, also autofreien Geschäfte in der Nachbarschaft bewerben, anstatt auf Parkplätzen und Brötchentaste zu bestehen. Diesen Kampf gegen die Goliaths des Einzelhandels können Sie nicht gewinnen.

Und noch ein Wort zum Platz und der Umgestaltung: Die sogenannten Gehwegnasen nützen gar nichts wenn man die Falschparker nicht kontrolliert. Die Autofahrer werden nämlich bald feststellen, dass man auch an den Gehwegnasen parken kann, die Fahrbahn ist dann halt etwas enger.

Und die Umgestaltung des Platzes ist zwar eine Verbesserung der heutigen Situation, betoniert aber den nicht nutzbaren Platz für weitere Jahre zu. Ein echter Platz würde verkehrsberuhigt den Bewohnern zur Verfügung stehen um dort zu spielen, zu grillen, Nachbarschaftsfeste durchzuführen, zu sitzen, zu quatschen, sich zu treffen etc. usw. Nur die Gehwege zu verbreitern führt nicht zu einer erhöhten Aufenthaltsqualität.

Wie das Stuttgarter Wochenblatt schreibt wurde der Umbau des Platzes im Bezirksbeirat politisch genehmigt mit 11 zu 5 Stimmen.

Aktualisiert am 1. Mai: Artikel vom 18. März über eine Begehung mit der Bezirksvorsteherin Tatjana Strohmeier und Anwohnern, die über den Umbau nicht begeistert sind und die zugehörige Ankündigung zu dieser Begehung.

Hinweis zu den Befürchtungen der Anwohner: Der Friedensplatz wurde ebenfalls mit solchen Gehwegnasen und zwei schmalen Bäumen umgestaltet. Die Anwohner sind damit auch nicht recht zufrieden. Das liegt aber nicht an der Umgestaltung an sich, sondern daran, dass der Platz auch nach der Umgestaltung kein Platz ist und dass die Autos weiterhin wild auf der Straße und im Kurvenbereich abgestellt werden. Die Befürchtung, dass vermehrt Schmutz und Dreck auf den vergrößerten Gehwegen landet, kann nicht bestätigt werden. Und selbst wenn, das ist das kleinere Problem.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s