Radfahren in Stuttgart, Hinweise für Stuttgarter und Neigschmeckte


Radfahren in Stuttgart will gelernt sein. Das weiß auch die Autorin Christine Lehmann und gibt ausführliche Hinweise für Stuttgarter Radfahrer und Neigeschmeckte (neu hinzogezogene Anwohner, die auch Radfahrer sind).

Ihr Fazit ist:

  • Navigationsgeräte (oder andere Hilfen) sind unerlässlich, da es keine durchgängigen Verbindungen gibt. Wer einfach drauflos fährt im Vertrauen auf Schilder und Befahrkeit der Straßen wird bestraft. Sinnvoller ist es, vor einem Termin eine geeingnete Strecke herauszusuchen und diese vorab zu befahren (zum Beispiel am Sonntag) oder früher loszufahren um Zeit für die Suche des richtigen Weges einzuplanen.
  • Die Infrastruktur ist mangelhaft und hinkt um Jahrzehnte hinterher. Die elektrisch unterstützen Fahrräder haben zwar die Berge etwas nivelliert, aber der Ausbau der Radwege ist weiterhin das Sorgenkind schlechthin, Straßen sind nur für Autos gebaut. Radwege enden oft nach wenigen Metern wieder, gehen ohne Einfädelspur oder klar geregelte Vorfahrt (Beispiel Feuerbach Leobener Straße Ecke Stuttgarter Straße, Radweg endet im Heck von parkenden Autos) in Fahrbahnen oder Fußwege über, der Radfahrer muss sich irgendwie durchschlänglen und ist damit immer in einer Verteidigungsposition gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern, die in ihm eine potentielle Gefahr sehen und der ihnen etwas von ihrem Raum wegnimmt.
  • Gehwege werden allzu oft für Radfahrer freigegeben, auf vielen Gehwegen ist das aufgrund von geringem Fussgängeraufkommen und breiten Gehwegen nicht das Problem (Beispiel: Einkaufszentrum Killesberghöhe Stresemannstraße Ecke Kochenhof; hier ist allerdings auch die Frage, wieso der mit einem Strich vom Gehweg abgetrennte Radweg am Killesbergpark nicht einfach bis zur Kreuzung Stresemannstraße Ecke Kochenhof weitergeführt wurde, der Gehweg ist hier breit genug). In vielen anderen Straßen dagegen ist der Gehweg nicht breit genug oder durch hohes Fußgängeraufkommen ist der Radfahrer zum Bremsen aufgefordert (Beispiel: Siemens- und Tunnelstraße in Feuerbach; Vom Ende der Stuttgarter Straße in Feuerbach bis zur Haltestelle Pragsattel (ungefähr 1Km!) ist kein Radweg vorhanden, es gilt eine Freigabe des Gehweges, das heißt allerdings auch, Schrittgeschwindigkeit und Rücksicht gegenüber dem Fußgänger! Das ist in der Regel aber völlig weltfremd und entspricht nicht dem Bedarf einer funktionierenden Infrastruktur. Besonders zum Ende von Vorstellungen im Theaterhaus oder Variete Friedrichsbau ist das ein Problem, dann ist der Gehweg voll von Fußgängern, die zur Tiefgarage oder zur Haltestelle gehen wollen). Wenn der Fußgänger dann von hinten von einem Radfahrer angeklingelt wird weiß er in der Regel nicht mehr, dass er vorhin an dem Zeichen 239 mit dem Zusatz 1022 vorbeigekommen ist (Beispiel aus Untertürkheim). Der Radfahrer befindet sich dann in der Position, sich verteidigen zu müssen. Da keine Benutzungspflicht besteht, kann der Radfahrer natürlich auch auf der Straße fahren. Aber gerade dieses Beispiel Siemens-/ Tunnelstraße entlang der B295 zeigt, dass ein Bau von Radwegoffensive in Stuttgart dringend erforderlich ist. Wer will sich denn schon mit dem Rad in den dichten Starßenverkehr auf der B295 einordnen?
  • Grüne Welle oder durchgehende Ampelphasen für Radfahrer? Man kann schon froh sein, dass es an einigen Ampeln gesonderte Radspuren oder Aufstellräume vor den PKW (Beispiel Bad Cannstatt Kreuzung Waiblinger Straße und Taubenheimstraße) gibt, ein extra-Drücker für Radfahrer an Bedarfsampeln (Beispiel Kreuzung Burgstallstraße und Böheimstraße) ist da schon das höchste der Gefühle. Die Überquerung des Charlottenplatzes (nur ein Beispiel von vielen) ist selbst für schnelle Radfahrer nicht in einem Zug möglich, Fußgänger und Radfahrer warten hier in jeder Richtung mehrfach bis der Platz vollständig überquert ist (Ausnahme: Fahrtrichtung Planie auf der Radspur, hier allerdings mit sehr langer Wartezeit). Trotzdem stehen Radampeln nicht immer so, dass sie auch einsehbar sind oder gleich als Radampel erkannt werden.
  • Stuttgart hat eine Fahrradstraße (die Eberhardstraße). Die gesetzliche Regelung zur Fahrradstraße sieht vor, dass dort der Fahrradverkehr bevorzugt wird. Zufahrt mit motorisierten Fahrzeugen ist nur den Anliegern vorbehalten und oft nur in einer Fahrtrichtung freigegeben. Stuttgart geht einen anderen Weg, im Bereich der Eberhardstraße liegt ein großes Parkhaus (Rathausgarage), außerdem wird die Eberhardstraße intensiv von Lieferverkehr und Kunden der Geschäfte in der Eberhardstraße genutzt. Die Bezeichnung Fahrradstraße für die Eberhardstraße ist also eher ironisch gemeint.
  • Wer in Stuttgart Rad fährt, ist so gut wie auf sich allein gestellt. Polizei und Ordnungsamt interessieren sich nicht die Bohne für Verkehrsregelverstöße und schieben sich gegenseitig die Zuständigkeiten zu. Wer am Wochenende versucht einen Gehweg- oder Radwegparker anzuzeigen erreicht beim Ordnungsamt niemand. Es kann lediglich eine E-Mail gelbe.karten@stuttgart.de oder ein entsprechendes Foto per Twitter-Nachricht an die Stadtverwaltung geschickt werden. Die Polizei kommt zu solchen Bagatell-Fällen in der Regel erst nach Stunden, dann ist das betreffende Fahrzeug meist schon wieder weg. Nach Auskunft der Polizei ist das Ordnungsamt zwar verpflichtet Anzeigen per Foto (mit erkennbarem Kennzeichen) nachzugehen und den Sachverhalt beim Halter zu klären, allerdings wird dies nicht durchgeführt.
  • Radwege sind in Stuttgart Parkplätze. Es gibt ein echtes Akzeptanzproblem beim Stuttgarter Autofahrer. Vor allem der Lieferverkehr und Kunden von Geschäften nutzen Radwege zum Ein- oder Ausladen oder zum mehr oder weniger kurzfristigen Parken.

Soweit Christine Lehmann in ihrem Blog ergänzt mit eigenen persönlichen Erfahrungen.

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Eine Antwort zu “Radfahren in Stuttgart, Hinweise für Stuttgarter und Neigschmeckte

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