Urbanität geht nicht, wenn zuwenig Rücksicht genommen wird


Urbanität geht nicht, wenn auf die Leute, die da sitzen oder stehen, zu wenig Rücksicht genommen wird.

Dies soll, laut StZ, OB Fritz Kuhn auf der Bürgerversammlung Mitte gesagt haben. Außerdem sagte er

Stadtpolitik zeichnet sich dadurch aus, dass man die Pole ins richtige Verhältnis setzt

und meinte damit die Unverhältnismäßigkeit zwischen Bewohnern und den Besuchern des Bezirks Mitte. Rund 22.500 Bewohner von Mitte stehen rund 130.000 allein im Milaneo gegenüber, hinzu kommen die übrigen Besucher der Innenstadt mit ihren Einkaufsgelegenheiten, Museen, Kinos, etc und der Transitverkehr, der die Innenstadt nur durchquert, mit welchem Ziel auch immer. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber an den Gemarkungsgrenzen wurden 2013 818.000 Fahrten täglich gezählt (Zählung über 16 Stunden an 42 Stellen im Oktober 2012). Für den Kesselrand (das ist Mitte inklusive großer Teile der Bezirke Ost, West, Nord und Süd) wurden zuletzt 2011 412.000 Fahrzeuge gezählt (Quelle siehe oben). Speziell für die B10/ B14 Kreuzung wurden im Rahmen des Gutachtens für den Rosensteintunnel 105.000 Fahrzeuge gezählt mit einer Steigerung auf 120.000 bis 130.000 Fahrzeuge (die letzte Zahl bezieht sich sogar auf den Fall, dass der Rosensteintunnel gebaut wird und zusätzliche verkehrsberuhigende Maßnahmen in der Umgebung durchgeführt werden). (Quelle der Zahlen: Gutachten „Luft engerer Planungsraum“ aus dem Artikel Rosensteintunnel, was ist das?)

Das scheint jetzt bei OB Kuhn angekommen zu sein. Er will die B14 verengen, breitere Fußwege bauen und am Charlottenplatz einen weiteren Umbau vorsehen. Die 20%, die Kuhn bei seinem Amtsantritt als Marke zur Reduzierung der Autos genannt hatte, scheinen also doch noch nicht vom Tisch zu sein obwohl er sie zwischenzeitlich auf konventionell angetriebene Fahrzeuge relativiert hatte.

Wir fordern weiterhin wirksame Maßnahmen, die dem Grundrecht auf Unversehrtheit entsprechen und das muss auch Fahrverbote beinhalten für den Fall von Grenzwertüberschreitungen bei Luftschadstoffen wie Stickoxiden und Feinstaub.

OB Kuhn schwebt außerdem ein neues Stadtviertel auf dem alten Betriebsgelände der Bahn am Rosensteinpark vor. Dieses neue Stadtviertel soll mehr Energie produzieren als es selbst verbraucht.

Nur leider ist bis heute noch nicht klar, ob dieses Gelände jemals frei wird. Selbst wenn S21, trotz der unzähligen Unwägbarkeiten rund um Kosten, Brandschutz, Statik, jemals fertig gestellt wird, besteht immer noch die Möglichkeit, dass die alten Bahnanlagen erhalten werden müssen wenn private Bahnunternehmen diese aufkaufen wollen um einen eigenen Stuttgarter Hauptbahnhof zu betreiben und um so die zweifelsfrei hohen Stationsgebühren für den Stuttgarter Tiefbahnhof der Bahn zu sparen. Trotzdem wurde bereits ein Bürgerbeteiligungsverfahren gestartet. Die Kosten von rund 250.000 Euro bezahlt die Stadt aus dem S21-Budget für Öffentlichkeitsarbeit.

Eine weitere Ankündigung auf dieser Bürgerversammlung des Bezirks Mitte besagte, dass die Stadtmitte begrünt werden soll. Wie das aussieht, ob es sich bei dem Grün um die Bepflanzung von Verkehrsinseln und Randstreifen mit Blumen und Büschen handelt oder ob richtige Bäume gemeint sind, wird nicht gesagt. Nachdem in den letzten Jahren allein für S21 geschätzte 700 Bäume und weitere unzählige Bäume für kleinere und größere Bauprojekte gefällt wurden, kommt diese Ankündigung etwas „überraschend“, passt aber ins derzeitige Bild der vom „Schneller, Höher, Weiter“-geprägten Konsumgesellschaft. Anstatt altes zu erhalten, zu pflegen und Werte zu schätzen, werden ständig neue Dinge gekauft, gebaut und damit Rohstoffe verbraucht. Auch ein Baum ist bloß ein „Ding“, dass man einfach so pflanzen und später wieder fällen kann. Um den Bürger zu beruhigen wird der eine oder andere eben auch mal versetzt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein neuer Baum gerade mal ein paar tausend Blätter hat, die nur geringe Mengen Sauerstoff produziert und im Gegenzug auch nur wenig CO2 und Feinstaub aufnimmt und auch nur geringen  Schatten spendet, ein Baum mit einem Alter von rund 100 Jahren dagegen etliche 100.000 Blätter mit einer immens großen Blattoberfläche hat, die zusammen rund 2 Kilogramm Sauerstoff produzieren, der für etwa 10 Menschen zum Atmen ausreicht.

Anstatt also ständig irgendwelche neuen Projekte und Maßnahmen aus dem Hut zu zaubern, sollte die Stadt endlich mal schätzen und bewerten, welche botanischen Werte wir denn in dieser Stadt haben. Diese zu „schätzen“, im wahrsten Sinne des Wortes, ist unser aller Aufgabe. Sie zu erhalten (und nicht zu zerstören) dagegen ist vorrangige Aufgabe der Stadt. Auch wenn die Bäume nach Ende der Baumaßnahmen wieder durch neue Bäume ersetzt werden (dieses Argument wird oft vorgebracht, vor allem im Zusammenhang mit S21), so reicht dies nicht aus. Zwei oder drei Jungbäume können auch nach 10 Jahren Wachstums einen alten Baum nicht ersetzen, weder in Aussehen noch in der ökologischen Bilanz. Dass die Luftschadstoffbelastung in der Stadt immer noch auf hohem Niveau stagniert und keine nennenswerte Unterschreitung der Grenzwerte möglich scheint liegt auch an den gefällten rund 1000 Bäumen, den unzähligen gerodeten Büschen und versiegelten Grünflächen im Talkessel. Selbst wenn dafür im gleichen Umfang Flächen entsiegelt werden würden, ist das Grün im Talkessel für immer verloren. Und Straßenbäume werden, selbst wenn sie nicht gefällt werden, aufgrund von verdichtetem Boden, Wassermangel aufgrund von versiegeltem Boden [PDF], Luftschadstoffen, Erschütterungen durch den Straßenverkehr und Eintrag von Giftstoffen (Hundeurin, Salzstreu im Winter und Öl und Benzin) nicht mehr sehr alt.

Weitere Informationen rund um das Thema Baum: Vegetative Überbemöbelung wird entfernt, Presseerklärung von SÖS und Linke aus dem Jahr 2014 zum „Baumfällwahnsinn“, Der Mensch als Teil des Ökosystems, und zur positiven Wirkung eines Baumes auf das Stadtklima.

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