Luftreinhaltung Light


Ab dem 16.1. könnte der erste Feinstaubalarm ausgerufen werden. Die Stadt Stuttgart und das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur (MVI-BW) machen zur Zeit ziemlich viel Wind um das Thema Feinstaub.

Vor kurzem lag dazu eine Broschüre in den Briefkästen (Seite 1 ist aus Platzgründen hier nicht abgebildet, sie enthält lediglich den Titel: „Luft rein halten!“ mit dem Untertitel: EINE GEMEINSAME HERAUSFORDERUNG FÜR STUTTGART, dem Logo der Stadt und der Angabe MVI-BW als Urheber).

Wie ist das zu beurteilen?

Zunächst einmal: Im Prinzip sind alle Angaben in der Broschüre richtig. Die identischen Angaben werden auch auf der Seite Feinstaubalarm wiedergegeben.

Wenn man aber die O-Töne der Verantwortlichen im Rathaus, im MVI-BW und im Regierungspräsidium vergleicht fällt schnell auf, dass hier der Tenor „das Glas als halbvoll“ überwiegt. Es ist also alles positiv, wir sind auf einem guten Weg, es gibt zwar noch viel zu tun, da die Grenzwerte ja noch überschritten werden, aber trotzdem alles ganz toll.

Dazu eine Grafik:

16Das Jahr 2015 ist noch nicht ausgewertet. Die Werte werden ca. Ende Januar/ Anfang Februar veröffentlicht.

Es stimmt also, dass der Trend eindeutig nach unten geht. Aber ist wirklich alles positiv?

Aus Sicht der Anwohner ist das Glas eher halbleer. Unsere Forderungen sind hier aufgeführt.

In Kürze:

  1. Der Grenzwert 35 Überschreitungstage mit mehr als 50µg/ m³ entbehrt jeglicher Grundlage, die WHO empfiehlt strengere Grenzwerte.
  2. Bereits ab dem ersten Feinstaub-Partikel besteht ein Gesundheitsrisiko
  3. Das Stickstoff-Problem wird völlig außer Acht gelassen.
  4. Ebenfalls unter den Tisch fällt beim Feinstaubalarm das Ozon bzw. SMOG.
  5. Das Feinstaubaufkommen aus anderen Verbrennungsprozessen (Holzfeuerungsanlagen) wird, was den Stuttgarter Talkessel und die großen Straßenkreuzungen angeht, total überschätzt.
  6. Das Aufkommen aus Kraftwerken und der Müllverbrennung ist nicht bekannt. Unter Umständen ist es so gering, dass es keiner großen Beachtung bedarf oder es ist viel größer und damit viel gravierender als gedacht.
  7. Hintergrundbelastung: Die Hintergrundbelastung wird durch den Feinstaubalarm nicht berührt.
  8. Die Aussagekraft des Feinstaubalarm ist nur begrenzt und damit ist der Feinstaubalarm ein Flop mit Ansage, der nicht die erwartete Wirkung haben wird.
  9. Der Feinstaubalarm wird durch Bauprojekte wie den Rosensteintunnel, S21 und große Einkaufszentren, die mehr Verkehr anziehen anstatt Verkehr zu vermeiden, konterkariert.

Zu 1. Grenzwert 35 Überschreitungstage: Es ist vor allem Quatsch immer auf diesen Grenzwert 35 Tage hinzuweisen. Heute am 10. Januar sind am Neckartor wahrscheinlich bereits wieder ein oder zwei Überschreitungstage gezählt worden. Aber was ist mit den Tagen im Dezember 2015? Sind die vergessen, nur weil jetzt ein neues Jahr ist? Die Überschreitungstage sollten besser rollierend gezählt werden, also beispielsweise für die letzten 30 Tage ab heute.  Dieser Fehler liegt im System, dazu müsste das Messverfahren umgestellt werden. Bei dem aktuellen Messverfahren, dass von der EU so gefordert wird, wird die Luft angesaugt und durch Filterscheiben gezogen, die etwa alle 3 bis 4 Wochen ausgetauscht werden. Dann werden Partikel gezählt und der Wert ins Netz gestellt. Deshalb hinken die Werte ständig um diese 3 bis 4 Wochen hinterher. Technisch ist es aber möglich, die Werte tagesaktuell zu ermitteln, allerdings ist das aufwendiger und es kostet mehr. Die EU schreibt nur das einfache Verfahren vor.

Zu 2. Auswirkungen: Da bereits ein Partikel einen Lungenkrebs auslösen kann, ist die Angabe des Grenzwertes 35 Überschreitungstage mit mehr als 50µg/ m³.

Wegen des linearen Zusammenhangs gibt es keine unschädliche Feinstaubkonzentration. Quelle Wikipedia

Die WHO empfiehlt diese Grenzwerte:

  1. Jahresmittel PM10 20 µg/m³
  2. Jahresmittel PM2,5 10 µg/m³
  3. Tagesmittel PM10 50 µg/m³ ohne zulässige Tage, an denen eine Überschreitung möglich ist.
  4. Tagesmittel PM2,5 25 µg/m³ ohne zulässige Tage, an denen eine Überschreitung möglich ist. Quelle Wikipedia

Aktuell gibt es für PM2,5 aber überhaupt keine Grenzwerte und der Wert für PM10 ist bei der WHO ab dem ersten Überschreitungstag nicht mehr zulässig und nicht nach dem 35., wie aktuell.

Zu 3. Stickstoff: Völlig außer Acht gelassen wird mit dem Feinstaubalarm das Stickstoffproblem. Stickstoff ist laut Aussage von Fachleuten das weitaus größere Problem, unter anderem auch die DUH. Es ist nicht nur wegen Dieselgate und den abweichenden Werten (Laborversuch und Realwerte) das größere Problem sondern auch gesundheitlich.

Zu 4. Ozon: Gerade im Sommer steigen die Ozonwerte, der sogenannte Sommer- oder Ozon-SMOG tritt in den wärmeren Monaten des Jahres auf, wenn die einfallende UV-Strahlung der Sonne in Verbindung mit (unter anderem) Stickoxiden (NOx) aus beispielsweise Autoabgasen oder Kraftwerken zu erhöhten Konzentrationen an Photooxidantien wie Ozon führt. Im Winter überwiegt dagegen der Winter-SMOG, der vor allem durch erhöhte Konzentrationen von Feinstaub zu Belastungen des Herz-/Kreislaufsystems führt (Quelle Wikipedia). Der Feinstaubalarm zielt damit nur auf den Winter-SMOG.

Zu 5. Feinstaub aus anderen Verbrennungsprozessen: Es ist auch richtig, dass mehr Feinstaub aus Kohle- und Holzöfen kommt, als vom Verkehr. Das trifft allerdings nur zu, wenn man ganz stark verallgemeinert und alle Emittenten in einen Topf wirft. Da es in großen Städten wie Stuttgart aber vor allem Gasheizungen und Stadtwärme- bzw. Fernwärmeheizungen gibt, trifft diese Verallgemeinerung für das Neckartor und den Talkessel nur bedingt zu. Die Wärmeerzeugung in Holz- und Kohleöfen ist hier vor allem für den großräumigen Hintergrund verantwortlich. Bei der Verbrennung von Gas entsteht so gut wie kein Feinstaub, da Gas keine Feststoffe enthält. Welchen Anteil die Fernwärme hat, kann nicht genau gesagt werden.

Dort, wo viele Kamine in den Häusern eingebaut sind, dort, wo viele Einfamilienreihenhäuser stehen, die Holzheizungen haben da keine Fernwärme- oder Gasversorgung möglich ist, also in den Außenbezirken der Städte, entsteht sehr viel Feinstaub durch diese Holzfeuerungsanlagen, viel mehr als durch Verkehr an diesen Orten. Da in den Außenbezirken weniger Verkehr herrscht aber mehr Kamine und Holzfeuerungsanlagen betrieben werden, kehrt sich das Verhältnis um. Moderne Holzheizungen (Pellet-Öfen) arbeiten mit wesentlich höheren Temperaturen als ein herkömlicher Ofen oder ein offener Kamin. Bei höheren Temperaturen entsteht weniger Ruß, da die Verbrennung besser ist. Ruß-Feinstaub ist nichts anderes wie feine Kohlenstoffpartikel, die aufgrund schlechter Verbrennung nicht mit verbrannt und somit nicht zu CO2-Gas umgewandelt werden konnten (bei schlechter Verbrennung entsteht außerdem auch giftiges CO). Tipps zur richtigen Nutzung einer Holzheizung hier. Trotzdem ist die Belastung an Feinstaub aus Holzfeuerungsanlagen hoch.

Zu 6. Kraftwerke und Müllverbrennung: Die Kraftwerke müssen zwar seit Jahren mit Filtern ausgerüstet sein aber wie gut die sind, wieviel Feinstaub entsteht, dazu sind keine Zahlen bekannt (Hier Infos eine Bürgerinitiative aus Mecklenburg-Vorpommern, Startseite der BI MVA Hansestadt Rostock und vom Bürgerbegehren 100-Strom Stuttgart zur Müllverbrennung).

Zu 7. Hintergrundbelastung: Diese Feinstaubbelastung aus Holzfeuerungsanlagen (siehe oben) zieht dann zusammen mit Sandstaub aus der Landwirtschaft mit dem Wind weiter und bildet in Stuttgart dann die sogenannte großräumige Hintergrundbelastung. Natürlich ist auch der Feinstaub (Abgase und Reifenabrieb) vom Leonberger Kreuz (neben dem Neckartor eine weitere der am stärksten befahrenen Straßenkreuzungen Deutschlands) verantwortlich für die Hintergrundbelastung im Talkessel. Die einzelnen Partikel kann man schon von einander unterscheiden, aber der Anteil der Hintergrundbelastung an einem bestimmten Ort kann man nur mit Wetterdaten, durch Vergleichsmessungen und Statistik errechnen. Und auf dieser Basis soll nach Auskunft der Stadtverwaltung, der Feinstaubalarm ausgelöst werden. Das folgt eine

Zu 8. Bedingte Aussagekraft des Feinstaubalarms: 1. Niemand weiß im Voraus verlässlich, ob die Werte tatsächlich überschritten werden. 2. Es kann andererseits aber auch Grenzwertüberschreitungen geben, ohne dass zuvor ein Alarm ausgelöst worden wäre. 3. Wer folgt den vorgeschlagenen Maßnahmen schon freiwillig, wenn gar keine Klarheit über die tatsächliche Notwendigkeit besteht? 4. Der Feinstaubalarm enthält zwar den Aspekt Holzfeuerungsanlagen und den Appell auf den Betrieb von Kaminen zu verzichten, aber wie weit in das Umland wird dies kommuniziert? 5. Werden die Appelle auch an Speditionen und Autofahrer gerichtet, die nur an Stuttgart vorbei fahren (Sie emittieren damit zwar keine Feinstäube im Talkessel, tragen aber zur Hintergrundbelastung bei). Lässt ein Spediteur oder eine Autofahrer auf dem Weg von Ulm nach Mannheim sein Fahrzeug stehen, nur weil in Stuttgart Feinstaubalarm ausgerufen wurde?

Zu 9. Konterkarierung des Feinstaubalarms durch große Bauprojekte: Neue Straßen wie der Rosensteintunnel oder die Filderauffahrt ziehen von den Bestandsstraßen Verkehr ab, erzeugen aber auch neuen Verkehr. Und für S21 sollen ab Mai 2016 nacheinander zwei wichtige Strecken der SSB durch den Talkessel für insgesamt fast 4 Jahre unterbrochen werden. Dadurch, so befürchten viele S21-Kritiker, wird es zu erheblichen Verkehrsproblemen kommen, SSB-Fahrgäste werden vermehrt auf das Auto umsteigen, vor allem außerhalb der Stoßzeiten kommt man mit dem Auto schneller voran, so die Ansicht vieler Autofahrer. Siehe dazu auch die Rede von Matthias v. Herrmann auf der 304. Montagsdemo. Und Einkaufszentren, die verkehrsgünstig an Hauptverkehrsstrecken liegen, ziehen zusätzlich Verkehr auch aus weiter entfernten Regionen an.

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2 Antworten zu “Luftreinhaltung Light

  1. Pingback: Feinstaubalarm | Neckartor Bürgerinitiative

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