Gründe, die gegen eine E-Auto-Prämie sprechen


Wie der Spiegel und andere Medien melden, ist die Kaufprämie für Elektrofahrzeuge beschlossene Sache. Sie soll ab Mitte Mai und sowohl für reine Elektrofahrzeuge als auch für Hybrid-Fahrzeuge bis zu einem Kaufpreis von 60.000 Euro gelten. Elektrofahrzeuge werden mit 4.000 Euro gefördert, Hybrid-Fahrzeuge mit 3.000 Euro.

Umweltverbände wie Greenpeace und der VCD kritisieren die Kaufprämie.

Hier die wichtigsten Gründe in einer Zusammenfassung:

  1. Die geplante Förderung ist unsozial da sie nur für die Personen gilt, die sich ein solches Fahrzeug leisten können. Wer heute schon elektrisch unterwegs ist und im ÖPNV fährt, erhält keine Förderung. Der ÖPNV ist aber für alle verfügbar und wäre voll ausgelastet für das Klima weniger schädlich. Und voll elektrisch (also ÖPNV ohne Dieselloks und -busse sondern mit Oberleitungsbahnen und -bussen, sogenannten O-Bussen) würden sich mehr Emissionen einsparen lassen als mit der Kaufprämie. Viele einzelne Fahrzeuge dagegen verbrauchen Ressourcen und Platz beim Fahren und Parken (Greenpeace). Und trotz Dieselgate verdient die Autoindustrie gut, eine Förderung ist nicht nötig (Greenpeace).
  2. Die Kaufprämie fördert weiterhin den Individualverkehr. Die Verkehrswende findet nicht statt, es entsteht nicht weniger Verkehr, es werden lediglich die Fahrzeuge ausgetauscht (VCD). Im Gegenteil, es entsteht mehr Verkehr, da das Elektrofahrzeug als Zweit- oder Drittfahrzeug angeschafft wird. Eine Studie aus Norwegen hat nachgewiesen, dass nach dem Kauf eines Elektrofahrzeugs die Verhaltensänderung hin zum Individualverkehr und weg vom ÖPNV stattfindet (Nutzung ÖPNV ging um 82% zurück): der Strom ist billiger als Diesel/ Benzin und wenn es Ökostrom ist, dann ist auch das Gewissen beruhigt.
  3. Mit den E-Autos wird die Gesamtbilanz der deutschen Autoflotte geschönt. Ein Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor findet nicht statt, er wird weiterhin mit 7 Milliarden Euro im Jahr gefördert (Greenpeace). Über die sogenannten Super-Credits kann ein verkauftes E-Auto auf die gesamte Flotte angerechnet werden sodass mit dem Verkauf von E-Autos letztlich die Produktion und der Verkauf von großen Fahrzeugen angekurbelt wird.
  4. Anstatt die Förderung an die Effizienz der Fahrzeuge zu koppeln wird eine pauschale Förderung nach dem Gießkannenprinzip beschlossen. Diese lässt gerade bei den Hybrid-Fahrzeugen die wirklichen Emissionen im Antriebsmodus mit Verbrennungsmotor außer Acht (VCD).
  5. Die Geschichte der industriellen Entwicklung hat gezeigt, dass es nach Änderungen in der Energienutzung nicht weniger Energieverbrauch gab sondern mehr Energie verbraucht wurde. So hat der Umstieg von der Dampfmaschine auf den Elektromotor als Antrieb für Maschinen eine erhebliche Effizienzsteigerung mit sich gebracht, die zu monetären Einsparungen führte. Von diesem Geld konnten die Fabrikbesitzer neue Maschinen kaufen, was im Endeffekt zu einem Mehrverbrauch an Energie führte. Dieser Effekt wird „Rebound„- oder Rückstoß-Effekt genannt. Andere Beispiele sind die Glühbirne (Kohlefadenlampe –> Glühlampe mit Wolframwendel) und der Fernseher (Röhrenfernseher –> Flachbildschirm). Wer ein Elektroauto kauft, wird dieses unter Umständen öfters benutzen als sein Auto mit Verbrennungsmotor, denn die Energie ist ja „klimafreundlicher“ und das Fahrzeug fährt ohne Emissionen, was aber faktisch nicht stimmt, wenn der Strom aus Braunkohlekraftwerken kommt.
  6. Hinzu kommt, dass auch ein Elektroauto Bremsen und Reifen hat, die sich mit der Zeit abreiben, wodurch Feinstaub entsteht.
  7. Die Kaufprämie für E-Autos könnte zu einer neuen Abwrackprämie werden, das heißt, wie 2009 könnten auch jetzt wieder voll funktionsfähige Fahrzeuge verschrottet werden. Da aber allein die Herstellung eines Fahrzeugs schon erhebliche Emissionen verursacht, ist es unter Umständen unökologisch dieses vorzeitig zu verschrotten. Außerdem sind heute gekaufte Neufahrzeuge tendenziell größer und schwerer als ältere Fahrzeuge sodass zu deren Antrieb mehr Energie verbraucht werden muss. Siehe auch hier Punkt 5 zum Rebound-Effekt.

Deshalb fordern sowohl VCD als auch Greenpeace und andere Umweltverbände, dass es eine echte Verkehrswende geben muss, bei der der Verkehr an sich in Frage gestellt wird. Gerade im ÖPNV ließen sich mit Elektromobilität erhebliche Emissionen einsparen. Straßen- und Eisenbahnen und O-Busse sind wesentlich effizienter, da mit weniger Energieeinsatz mehr Menschen transportieren können und dies ist nachhaltiger als eine Personen pro Fahrzeug zu transportieren. Denn der Besetzungsgrad von MIV-Fahrzeugen im Berufsverkehr ist nahe Null, wenn man den Fahrer nicht mitzählt.

Die jetzt eingesetzte Prämiensumme sollte stattdessen in den sinnvollen Ausbau des ÖPNV vor allem in der Fläche gesteckt werden, um der Landbevölkerung den Zugang zu Bussen und Bahnen zu ermöglichen. Mit einem Erneuerungsprogramm im Regionalverkehr könnte der enorme Investitionsstau aufgeholt werden, marode Bahnhöfe und Strecken endlich saniert werden. Und eine Erhöhung der Regionalisierungsmittel würde beispielsweise bewirken, dass die Kommunen Regionalverbindungen bei den Verkehrsanbietern nicht abbestellen sondern weiter ausbauen können.

Weitere Informationen: Interview mit der Journalistin Verena Gonsch aus NDR Info und Bernhard Knierim in Mobilogisch 02/16 Seite 55 bis 57.

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