Das Ladensterben ist überall


Ladensterben? Betrifft uns in der Großstadt nicht. Ok, dass mal der eine oder andere Laden schließt und dafür ein neuer eröffnet ist völlig normal. Siehe dazu diese Meldung der StZ über das Haufler-Gebäude am Marktplatz, in das ein Bücherladen einziehen wird. Dass der zentrale Marktplatz damit seit etwa einem Jahr immer noch kein Cafe hat, sei nur am Rande erwähnt. Und wenn dann doch mal ein Traditionsgeschäft schließen muss, so wie Foto Hirrlinger, dann sind die bösen Plattformen im Internet oder die Einkaufszentren schuld.
Aber sonst ist das Ladensterben doch nur in den Dörfern und Kleinstädten zu finden, wir in der Großstadt haben doch die Vielfalt aus der wählen können.

Diesem Trugschluß erliegt man aber nur zu leicht.

Auch in den Großstädten grassiert das Ladensterben.

  1. Die Post hat vor einigen Jahren sämtliche Filialen geschlossen und an sogenannte Post-Shop-Betreiber verpachtet. Damit ist die Postfiliale heute auch Schreibwarenladen, Zeitschriftenkiosk und Reinigungsannahme. Oder die Post wurde gleich ganz geschlossen und in einen bestehenden Supermarkt integriert. Damit stehen aber auch keine Post-eigenen Angestellten mehr hinter der Theke sondern mehr oder weniger geschultes Fremdpersonal, dass sich mit den Posttarifen nicht mehr auskennt. Dafür wird dann aber auch gleich noch der neue Stromtarif oder ein Handyvertrag verkauft, weil der Postbetreiber dafür Provision bekommt. Für den Kunden ist das nicht unbedingt von Vorteil.
  2. Die kleine urige Kneipe um die Ecke gibt es immer seltener. Längst haben Brauereien, Glücksspielautomatenhersteller und Anbieter von Sportfernsehen den Kneipenmarkt unter sich aufgeteilt. Die Inhabergeführte Kneipe, die einen Stammtisch für den Verein soundso freihält, die Bier aus einer kleinen Brauerei anbietet, wird langsam Geschichte. Stattdessen sind Kneipen heute vielerorts schon halbe Glücksspiel-Casinos (siehe Abschnitt Kaffee-Casino). Automatenhersteller und Brauereien bezahlen dem Kneipenpächter die Inneneinrichtung und die Schank- und Kühlanlagen, dafür verpflichtet sich dieser in langjährigen Verträgen zur Abnahme von Mindestmengen. Sportfernsehen dient dabei als Lockmittel für Kunden. Ob der Verlust an urigen Kneipen, an Stammtischen, an Brauervielfalt den Rückgang an Kunden verursacht oder andersrum, niemand weiß es. Aber dieser Verlust an Atmosphäre führt mit Sicherheit auch dazu, dass die Gäste sich neu orientieren und öfter auch zu Hause trinken und feiern.
  3. Der Tante-Emma-Laden ist ebenfalls fast schon Geschichte. In vielen Nord- und Ostdeutschen Städten gibt es noch die sogenannten Spätis, in Westdeutschland die Trinkhalle, in denen es fast alles fast rund um die Uhr zu kaufen gibt. Diese können sich aber oftmals nur wegen der langen Öffnungszeiten über Wasser halten, der klassische Tante-Emma-Laden dagegen ist nicht mehr oft vorhanden da er den Supermarkt als direkten Konkurrenten hat. Diese eröffnen heutzutage keine Filiale mehr unter einer gewissen Quadratmeterzahl. Außerdem müssen Parkplätze vorhanden sein und eine gute Erreichbarkeit. Damit sind diese sogenannten „Vollsortimenter*“ der Tod für den Tante-Emma-Laden im Viertel.

    *Vollsortimenter bieten – im Gegensatz zum Discounter – in der Regel von jedem Produkt mindestens zwei oder sogar drei Alternativen an: eine Discounter-Variante, die im Preis identisch ist mit dem Discounterprodukt; ein Markenprodukt, dass im mittleren Preissegment liegt und ein eventuell noch höherwertigeres Produkt, dass im oberen Preissegment liegt. Neuerdings kommen oft auch noch eine Bio-Variante und/ oder eine vegetarische/ vegane Variante hinzu. Diese „Vielfalt“ können Tante-Emma-Läden und auch Discounter oft nicht bieten. Dass diese Vielfalt aber oft nur vordergründig ist, wird weiter unten erläutert.

  4. Die kleine Apotheke um die Ecke findet oftmals keine Nachfolger mehr. Ältere Apotheken sind mit 100 qm Verkaufsfläche zu klein für ein modernes Geschäft, heißt es oft. Aber auch der immer größer werdende bürokratische Aufwand macht es den Apothekern schwer. Das Geschäft übernehmen dann große Ketten-Apotheken, oftmals Gesundheitszentrum genannt, die keinem einzelnen Apotheker mehr gehören sondern einem Konzern oder Investor und die auch in den noch größeren Einkaufszentren angesiedelt sind. Damit geht auch die persönliche Beratung durch die Apothekerin / den Apotheker, der seine Kunden und ihre Krankheiten kennt, verloren.
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Quelle: Barbara, Aktivistin der Guerilla-Kommunikation

Vordergründig sind die neuen großen Supermärkte, die Kneipen, die Apotheken, die Post mit ihrem erweiterten Angebot aus Schreibwaren und Reinigung eine Erhöhung der Vielfalt. Aber wenn man einmal unter die Decke schaut, dann wird man sehen, dass die sogenannte Vielfalt fast nur noch aus Einheitsbrei, der von nur wenigen großen Herstellern kommt, besteht. Dieser Brei wird aber in einem so großen Angebot präsentiert, dass er wie ein vielfältiges Angebot aussieht. Wir lassen uns das immer gleiche Bier aus der Großbrauerei „schmecken“, die immer gleichen Brote aus der Großbäckerei, den immer gleichen Quark im TV um die Nase rieseln ohne zu bemerken, dass mit dem ganzen Einheitsbrei aus der Großküche ein Stück Tradition und vor allem Vielfalt verloren geht. Und mit dem wöchentlichen Billigbilligsupersonderangebot wird an unser Unterbewusstsein appelliert zu sparen. Sparen will natürlich jeder, und wenn dann am Ende ein kleiner Betrag auf der Rechnung steht, sind alle glücklich. Wirklich alle?

Der bürokratische Aufwand, der vielen kleinen Geschäftstreibenden das Wasser abgräbt, wird oft mit Verbraucherschutz und Hygiene begründet. Das ist gut und richtig. Aber ist der Verbraucherschutz wirklich begründet oder handelt es sich hierbei nicht auch um Bevormundung? Die krumme Banane oder Gurke, der Apfeldurchmesser, die Kartoffel mit der glatten Schale sind da nur wenige Beispiele. Der Kunde will das angeblich so. Aber ist das wirklich so? Will der Kunde wirklich immer gleich große, immer gleich gefärbte Äpfel, die immer gleich schmecken?

Das Ladensterben ist auch verbunden mit dem Artensterben, mit dem Rückgang an Lebensmittelsorten. Großkonzerne dominieren den Lebensmittelmarkt. Wer kennt heutzutage noch Ananastomaten oder die Kartoffel Rosemarie?

DIE Lösung für dieses Ladensterben haben auch wir nicht. Ganz sicher liegt es aber nicht nur an fehlenden Parkplätzen, dem Internet oder den Einkaufszentren. Die Gründe sind vielschichtig. Aber wir können sie durch unser Einkaufsverhalten beeinflussen.

Beachten Sie zu diesem Thema den Vortrag „Wo kommen eigentlich unsere Lebensmittel her?“ mit Tobias Bandel im freien Jugendseminar am 7. Juni, 19:30 Uhr. Das freie Jugendseminar ist zu erreichen mit dem Bus 42, aus Richtung HBF am Urachplatz aussteigen, aus Richtung Schloßplatz an der Heidehofstraße aussteigen. Karte

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