Wahnsinn Mobilität


Wenn man sich im Bekanntenkreis unterhält, kommt irgendjemand mit Sicherheit auf das Thema Verkehr zu sprechen. Die Staus in Stuttgart und Umgebung sind sowieso in aller Munde, aber oft genug beschweren sich Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger über einen der jeweils anderen und stellen deren „Vergehen“ in drastischen Worten dar. Dabei wird auch Hass und Abscheu geäußert.

Wenn man also beispielsweise als Ausländer nach Stuttgart kommt, dann könnte man meinen, dass hier ein Bürgerkrieg ausgebrochen ist und die Parteien auf der Straße um ihre Vormachtstellung kämpfen. Woran liegt das?

Psychologen wie der Stuttgarter Verkehrspsychologe Hans J. Schulz (in der Ausgabe 04/15 des Stadtmagazins Lift) sprechen in dem Zusammenhang vom mangelnden Perspektivenwechsel bzw. fehlendem Einfühlungsvermögen. Weil beispielsweise die Fahrgäste morgens in der Straßenbahn so sehr mit sich selbst, ihrem mobilen Internet-Gerät, ihrer Zeitung oder ihrem Tagesgeschäft beschäftigt sind, herrsche an den Türen der Bahn regelmäßig ein großes Gedränge, so der Psychologe Schulz. Er sieht das nicht als absichtliche Rücksichtslosigkeit sondern als fehlende Achtsamkeit.

2010-02-11-vag-markierung-pl3-grossSchulz überträgt dies auch auf Raser, die zu schnell fahren. Bedingt durch den Wohnzimmereffekt in modernen Großlimousinen nehmen Fahrer die Geschwindigkeit ihrer Fahrzeuge nicht mehr so wahr wie beispielsweise noch vor 30 Jahren in einem Käfer oder einer Ente. Diese Fahrzeuge waren auch im Innenraum laut, es war im Winter kalt und feucht im Auto, es gab nur ein kleines Radio mit einem oder maximal zwei schlechten Lautsprechern und man spürte in den Sitzen jedes Schlagloch. Und weil im heutigen Verkehr schlechtes Verhalten wie Raserei kaum noch geahndet wird, nehmen die Fahrer ihren Zeitgewinn, der aber oft genug nur vermeintlich im Kopf existiert und mit der Uhr gar nicht nicht messbar ist, als Belohnung, als Glücksgefühl wahr. Hinzu kommt außerdem, dass bei Berufsfahrern mit der Zeit eine Routine entsteht, die mögliche Gefahrensituationen ausblendet. Und wer mit Stress, Minderwertigkeitskomplexen oder Ängsten vorbelastet ist, der nimmt das Fahrzeug als Mittel um Aggressionen abzubauen oder um aufzufallen. Und dabei wird bewusst oder unbewusst die Schädigung anderer in Kauf genommen.

Radfahrer und Fußgänger sind als schwächere Teilnehmer im Verkehr die Leidtragenden von solchen Ausschweifungen, sie geben die Aggression der Autofahrer aber gern an diese wieder zurück. Die Einstellung „Alles Idioten außer mir!“ trifft auf viele Verkehrsteilnehmer zu. Dass man aber selbst auch Fehler macht, geben nur wenige gern zu, lieber sucht man den Fehler bei anderen.

Studien haben gezeigt, dass man Mobilität mit mehr Rücksicht durch das Weglassen von Regeln erreicht. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass der deutsche Verkehr überreguliert ist, dass es zu viele Regeln gibt. Der berühmte Schilderwald ist der Begriff, der dies in einem Wort zusammenfasst.

Die Tübinger Straße in Stuttgart ist dafür kein gutes Beispiel, hier hat die Aufhebung der Fahrbahn als Spur für den rollenden Verkehr um einen sogenannten Shared Space (in der Schweiz heißt das Begegnungszone, der deutsche Begriff verkehrsberuhigter Bereich trifft bei einer hauptsächlich durch Läden und Geschäfte geprägten Straße mit Parkplatzsuchverkehr nicht zu) zu errichten, zu Anarchie geführt. Die Tübinger Straße zeigt also, dass es auch in einem Raum mit wenig oder ganz ohne Regeln immer noch eine ordnende Hand braucht, die eingreift. Dass sich jemand das Recht heraus nimmt, auf dem Gehweg zu parken, kann passieren. Die Gesellschaft muss dann aber so stark sein, diesen Regelverstoß entweder durch Strafen (zum Beispiel durch ein Ordnungsgeld, verhängt von der Polizei oder dem Ordnungsamt) zu ahnden oder durch Ausgrenzung zu reglementieren. Einem Fahrer mit besonders auffälligem, lautem oder schnellen Fahrzeug hinterher zu schauen oder gar zu winken oder dergleichen, bestätigt diesen und sein Verhalten, er fühlt sich glücklich und wird sein Verhalten dann wiederholen. Wenn er dagegen nicht mehr auffällt und bestätigt wird, verliert das Verhalten das anschließende Glücksgefühl. Bestätigend wirkt zum Beispiel auch, dass man als Autofahrer in manchen Geschäften die Parkgebühren bei einem Einkauf erstattet bekommt. Wenn dies wegfällt, und man stattdessen für den Parkplatz bezahlen muss, wird man in diesem Geschäft nicht mehr einkaufen und stattdessen die fußläufig in der Nachbarschaft gelegenen Geschäfte aufsuchen. Die Erstattung von Parkgebühren, die Brötchentaste und das kostenlose Parken in Einkaufszentren fördern also Autofahren. Nur durch die Ausgrenzung von Autofahrern und die Wegnahme von Vorteilen für Autofahrer wird man also Verständnis für Radfahrer und Fußgänger erzeugen können.

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Eine Antwort zu “Wahnsinn Mobilität

  1. Dominik Bucheli

    Ein wenig Recherchieren würde helfen. Rechtlich ist das was in der Schweiz Begegnugnszone genannt wird in Deutschland ein verkehrsberuhigter Bereich.

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