Natürlich trifft es immer die Falschen, Kommentar


Ein Kommentar (von Zwuckelmann; Quelle: CAMS21)

Wenn es ums Heiligsblechle geht, versteht der Stuttgarter keinen Spaß. Spätestens beim Auto beginnt der Ernst. Freie Fahrt für freie Bürge, erst recht in der Autostadt Stuttgart. Feinstaub? Giftige Abgase? Um ein Vielfaches überschrittene Grenzwerte? Das ist ein Kollateralschaden, ein bedauernswerter Nebeneffekt, der in Kauf genommen werden muss. Mobilität hat eben ihren Preis!

Und dann gibt es auch noch lästige Bürger, die gegen eben den Feinstaub, gegen die giftigen Abgase und gegen die jahrelange Ignoranz von Politik und Autoindustrie demonstrieren, gar auf öffentlichen Straßen und damit für ein paar Stunden den Verkehr in Stuttgart behindern. Dass sich der Verkehr in Stuttgart täglich staut und der Infarkt an manchen Stellen längst chronisch ist, interessiert da nicht – am wenigsten die Stuttgarter Zeitungen.

Holger Geyer von der Stuttgarter Zeitung kommentiert denn auch schnell, dass die Falschen durch die Demonstration getroffen worden seien. Schuld an Feinstaub und Co. seien die Autoindustrie und die Politik, aber doch nicht der Bürger! Der kauft sich seinen Volvo Diesel oder seinen Porsche Chayenne doch, weil er mobil sein muss. Wenn es die Autoindustrie nicht hinbekommt, saubere Autos zu produzieren, bleibe einem als Bürger ja nichts anderes übrig!

Diese reaktionäre Haltung aus dem vergangenen Jahrtausend wird viele Leser an- und vielen Stuttgartern aus dem Herzen sprechen. Und natürlich haben Industrie und Politik gehörig Mitschuld an dem Stuttgarter Feinstaubdesaster. Selbstverständlich richtete sich auch diese Demonstration primär an die Politik. Die Reden, die auf der Kundgebung gehalten wurden, forderten alle, dass die Politik endlich wirksame Maßnahmen ergreifen solle. Aber deshalb kann der Konsument nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Eine Generalabsolution, wie Herr Geyer sie für die Autofahrer ausstellen will, kann es nicht geben. Am Ende der Kette ist sonst allein der liebe Gott daran Schuld, dass er uns keine Reifen und 300 PS anstatt Beine gegeben hat oder dass er so etwas wie Feinstaub überhaupt zulässt.

Fakt ist, dass etwas getan werden muss, denn auch für die Pendler und Autofahrer ist Feinstaub und Co. giftig. Und Grenzwerte gibt es nicht aus Jux und Dollerei. Egal welche Maßnahme von der Politik ergriffen wird, sie wird immer wehtun, vor allem dem Autofahrer, und ganz besonders dem, der meint, ein Auto sei unverzichtbar und es gäbe ein Menschenrecht auf motorisierten Individualverkehr.

Klar ist, und viele Städte in Europa machen es vor, dass wir um eine Reduzierung des Individualverkehrs nicht herumkommen – auch wenn ausgerechnet der grüne Umweltminister genauso wie der grüne Ministerpräsident und der grüne Oberbürgermeister sich um diese Tatsache herumwinden. Darauf sollten sich die Zeitungen konzentrieren und ihre Leser darauf vorbereiten, anstatt plumpe, reaktionäre Stimmung gegen kritische Bürger zu machen, die nach vielen Jahren nun auch auf die Straße gehen für ihr Recht, unversehrt in Stuttgart leben zu können.

31.03.2017/zwu

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