Rede Nr. 1: Autofreier Sonntag


Autofreier Sonntag, Stuttgart, 23.09.2018

Dieter Bareis, Klima- und Umweltbündnis Stuttgart

Verkehr und Klimaschutz – eine schwierige Beziehung

„Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“ sagte einst Loriot. Als schwuler Mensch muss ich leider ergänzen: Männer und Männer passen auch nicht so einfach zusammen. Beziehungsfragen zwischen Menschen sind oft reichlich kompliziert! Aber bevor jetzt gleich wieder dieser seltsame Doppeldecker rechter Gruppierungen aufkreuzt, dieser ominöse „Bus für die Meinungsfreiheit“, sage ich lieber gleich: Wir wollen wir uns hier mit einer ganz anderen schwierigen Beziehung befassen: Mit der zwischen Verkehr und Klimaschutz. Lässt sich das Zitat von Loriot hierauf übertragen? Passen Verkehr und Klimaschutz einfach nicht zusammen? Derzeit ist die Beziehung zwischen den beiden jedenfalls sehr konfliktreich! Haben die beiden eine Chance auf eine gelingende Beziehung?

Ich möchte meine Rede in drei Teile gliedern:

Zunächst müssen wir die Beziehung zwischen Verkehr und Klimaschutz analysieren, wir machen da eine Bestandaufnahme mit Schwerpunkt Baden-Württemberg. Dann müssen wir uns überlegen, wie es zwischen den beiden weitergehen kann, und schließlich folgt ein Fazit.

Bestandsaufnahme:
Zunächst nenne zähle ich ein paar Fakten aus dem aktuellen Monitoring-Kurzbericht 2017 der Landesregierung zum Klimaschutz:

Im Vergleich zu 1990 sind die Treibhausgasemissionen in Baden-Württemberg bis 2016, dem letzten statistisch verfügbaren Jahr, um 12% zurückgegangen. Immerhin, könnte man sagen. Aber das Ziel für 2020 sind minus 25%! Wir haben also in den 26 Jahren bis 2016 kaum die Hälfte der Strecke geschafft, die wir bis 2020 zurückgelegt haben wollen! In den beiden Jahren 2015 und 2016 sind die Treibhausgasemissionen in Ba-Wü sogar gestiegen!

Der wichtigste Grund für diese fatale Entwicklung ist die vergiftete Beziehung zwischen Verkehr und Klimaschutz! Die CO2-Emissionen des Straßenverkehrs haben in Ba-Wü inzwischen einen Anteil von knapp 30% und sind damit die dominierende Treibhausgasemissionsquelle! Die Emissionen von Autos, LKW und Bussen sind 2016 im Vergleich zu 1990 nicht nur nicht gesunken, sondern sogar um 12% gestiegen! Das ist schon erschütternd, wenn man bedenkt, dass die Emissionen des Verkehrssektors gemäß den Plänen der Landesregierung bis 2020 um 20 bis 25% im Vergleich zu 1990 sinken sollen! Nochmal: Die CO2-Emissionen im Straßenverkehr haben in Ba-Wü bis 2016 um 12 % zugenommen, müssen aber bis 2020 um 20 oder mehr Prozent im Vergleich zu 1990 sinken!

Die wichtigste Ursache für den Anstieg dieser CO2-Emissionen ist der Güterverkehr. Lkw und Sattelschlepper emittieren fast 60% mehr als 1990. Sicherlich spielt hierbei das Outsourcing, die Produktionsaus-lagerung, eine große Rolle. Die Emissionen des Pkw-Verkehrs sind praktisch immer noch so hoch wie 1990, die Einsparerfolge sind mit 3% vernachlässigbar! Zwar werden die Motoren immer effizienter, aber dieser Fortschritt wird neutralisiert, weil die Autos immer mehr und immer größer und schwerer werden, bis hin zu den Familienpanzern, auch SUV genannt, mit denen sich Leute der Oberklasse und Menschen, die zu diesen gehören wollen, in erhöhter Position durch die Straßen von Stadt und Land bewegen. Höchste Zeit, dass SUVs sozial so geächtet werden wie Robbenfellmäntel, die sich auch kaum noch jemand anzuziehen getraut! 2016 wurde auf den Straßen von Ba-Wü eine Strecke von unglaublichen 100 Milliarden km zurückgelegt, ein Drittel mehr als 1990, als man doch auch schon mobil war!

Nur wenig besser sieht die Entwicklung im Verkehr deutschlandweit aus, auf den Seiten des Umweltbundesamts kann dies gut recherchiert werden.

Erwähnt werden sollte auch der Luftverkehr! Die Treibhausgasemis-sionen der in Deutschland startenden Flugzeuge haben sich seit 1990 mehr als verdoppelt! Fliegen ist der größte legale Hebel, mit der ein Einzelner den Klimawandel vorantreiben kann! Nur ein Beispiel: Jeder Mensch, der nach Sidney fliegt, verursacht mit seinem Flug so viel Erderwärmung, wie ein Deutscher sonst in einem ganzen Jahr!

Aus den genannten Fakten kann man schon den Eindruck bekommen: Verkehr und Klimaschutz passen einfach nicht zusammen. Doch muss das so bleiben? Oder können Verkehr und Klimaschutz nicht doch eine gelingende Beziehung führen?

Ausblick: Was ist zu tun?
Das Ziel des Pariser Klimavertrags ist, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 °C, zu begrenzen. Will man den Vertrag auch nur einigermaßen sicher einhalten, steht pro Mensch für alle Zeiten ab 2019 insgesamt noch ein Budget irgendwo zwischen Null bis etwas über 100 t CO2 zur Verfügung. Je mehr wir an CO2 ausstoßen, desto wahrscheinlicher werden wir die Zwei-Grad-Schranke reißen! Im Weltdurchschnitt stößt jeder Mensch pro Jahr 5 t CO2 aus, in Deutschland mit 10 t sogar das Doppelte. Das heißt: Wenn wir so wie bisher weiter machen, ist das globale Budget bald ausgeschöpft, spätestens in 25 bis 30 Jahren. Das deutsche Budget reicht wegen unseren doppelt so hohen Pro-Kopf-Emissionen kaum mehr als zehn Jahre, wenn wir unsere Emissionen nicht senken. Rasches Handeln ist also zwingend, wenn wir unsere Zukunft nicht gründlich ruinieren wollen!

Ein großer Hebel für das Senken der CO2-Emissionen im Verkehrsbereich liegt bei der EU. Sie legt den sogenannten Flottenausstoß für die Autohersteller fest, also, wie viel jedes Auto im Durchschnitt pro km an CO2 ausstoßen darf. 2015 waren 125 g/km vorgegeben, 2021 sind es dann 95 g. 2021 statt 2020, weil die Bundeskanzlerin auf Drängen der Automobillobby persönlich aktiv wurde und das Jahr, an dem die 95 g erreicht werden müssen, deshalb um ein Jahr nach hinten verschoben wurde. So lobbyismusgetrieben läuft Politik leider viel zu oft! Nun will die EU-Kommission bis 2030 die Emissionen der Autoflotte um weitere 30% senken, sie wird damit dem Klimavertrag von Paris in keinster Weise gerecht! Der Umweltausschuss des EU-Parlament fordert 45% und erntete dafür viel Kritik: Der Chefbremser vom Verband der Deutschen Automobilindustrie, Bernhard Mettes: „Die deutliche Verschärfung der Kommissionsziele ist weder klima- noch wirtschaftspolitisch sinnvoll“ (Stuttgarter Zeitung, 12.09.2018). Interessant, dass der oberste Cheflobbyist nicht nur weiß, was der Automobilindustrie guttut, sondern sich auch noch als Klimaexperte ausgibt! Es ist wahrlich nicht das erste Mal, dass die Automobilindustrie uns Lug und Betrug auftischt. Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze will den CO2-Ausstoß der Pkw-Flotten sogar um 50% senken. Ob die Kanzlerin sie da wohl unterstützen wird? Der Unionspolitiker Joachim Pfeiffer aus Waiblingen bezeichnete Schulzes Vorschlag als „Klimafetischismus“ (Stuttgarter Zeitung, 07.08.2018). Herr Pfeiffer hat wie alle anderen Bundestagsabgeordneten am 22.09.2016 im Bundestag für die Annahme des Pariser Klimaschutzvertrags gestimmt. Hat er das vergessen? Wenn das mit dem Klimaschutz noch etwas werden soll, brauchen wir unbedingt strenge Emissionswerte für die Autos! Doch das allein wird die Beziehung zwischen Verkehr und Klimaschutz nicht retten!

Die 2017 erschienene Studie „Mobiles Baden-Württemberg“ weist für das Ländle nach, dass die national und international vereinbarten Klima-schutzziele sich nur erreichen lassen, wenn die Menschen vom motori-sierten Individualverkehr Abschied nehmen, ihre Wege verkürzen und eine neue Mobilitätskultur leben. Auftraggeber der Studie war die Baden-Württemberg-Stiftung. Die Autoren wörtlich: „Die Infrastruktur-planung muss auf Verkehrsberuhigung, Entschleunigung sowie den Verzicht auf weiteren Straßenausbau ausgerichtet werden.“

Also Schluss mit dem teuren Straßenausbau! Allein der Rosensteintunnel kostet wohl mehr Geld, als insgesamt seit der Erfindung des Fahrrads für den Radverkehr in Stuttgart ausgegeben wurde! Gut, dass es den Rad-entscheid gibt, was den Ausbau des Radverkehrs vorantreiben wird! Gut, dass es die Critical Mass gibt, bei der jeden ersten Freitag im Monat bis zu 3000 Menschen Radfahren sichtbar machen! Gut, dass „Stuttgart laufd ‘nai“ für eine autofreie Innenstadt kämpft! Gut, dass es FUSS e. V. gibt, die sich für ein fußgängerfreundliches Stuttgart einsetzt! Gut, dass der Verkehrsclub Deutschland ein kritischer Begleiter des Öffentlichen Personennahverkehrs ist und hervorragende Nahverkehrskonzepte entwirft, z. B. für die Schuster- und für die Gäubahn. Gut, dass die S21-Gegner sich für einen Bahnhof mit integralem Taktfahrplan einsetzen. Gut, dass Manfred Niess als Feinstaubkläger die Verkehrspolitik aufwirbelt, die ihrerseits bisher vor allem Feinstaub aufgewirbelt hat! Gut, dass “Die Parklücken“ aus Parkraum Raum für Menschen schaffen! Die Liste der engagierten Initiativen ist lange nicht vollständig! Zusammen können wir im Verkehr und in den anderen Bereichen den Klimaschutz voranbringen!

Fazit:
Kommen wir zum Fazit. Derzeit ist es sicher richtig: Verkehr und Klimaschutz passen einfach nicht zusammen. Und wie bei Beziehungen zwischen Menschen muss man, wenn man sie kitten will, diese erst mal analysieren. In der Beziehung zwischen Verkehr und Klimaschutz benimmt sich der Verkehr rüpelhaft: Er drückt den Klimaschutz an die Wand. Der Klimaschutz ist aber auch ziemlich schwach und hat noch wenig Selbstbewusstsein. Der Verkehr ist dagegen stark und kann vor Kraft kaum gehen! Aber, das sage ich jetzt ganz unverblümt: er stinkt und ist hässlich. Was müssen also Verkehr und Klimaschutz tun, um ihre Beziehungsprobleme zu lösen? Nun, die Lösungen liegen auf der Hand:

Dem Klimaschutz rate ich zum regelmäßigen Besuch des Fitnessstudios. Er muss richtig stark werden, zupackend sein. Dem Verkehr muss man zunächst mal klar machen, dass er sich waschen muss, damit er nicht mehr so stinkt. Mit ein bisschen Parfum ist es da nicht getan. Wirklich funktionsfähige Rußfilter und Katalysatoren sind das mindeste! Aber der Verkehr stinkt ja nicht nur, er ist auch hässlich. Die vielen Autos und LKWs auf all den breiten Straßen entstellen ihn. Da hilft nur eins: Er muss unters Messer! Er braucht mehr als nur ein Face-Lifting! Er muss sich völlig umgestalten lassen, wie u. a. die Studie „Mobiles Baden-Württemberg“ zeigt. Bis er wieder schön ist! Zum Schluss kann es dann aber sogar ein happy End geben: ich hoffe jedenfalls, dass Verkehr und Klimaschutz doch noch ihre Beziehungskrise lösen können und daraus eine glückliche Beziehung mit zahlreichen Kindern wird: Die Kinder werden dann heißen: saubere Luft, angenehmer Geräuschpegel, grüne Stadt, gesunde Stadt, lebenswerte Stadt und klimagerechte Welt. Tragen wir unseren Teil dazu bei, die Beziehungskrise zwischen Verkehr und Klimaschutz zu lösen!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s