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Parkraumbewirtschaftung: Fluch oder Segen?


01.06.2013: Artikel aufgrund von Hinweisen der genannten Anwohnerin überarbeitet.

Fritz Kuhn hatte es in seinem Wahlprogramm versprochen

Parkraumbewirtschaftung wie im Westen auch für Mitte und Süd, damit der Parksuchverkehr nach kostenfreien Parkplätzen ausbleibt.

jetzt soll sie in Teilbereichen von Ost, Mitte und Bad Cannstatt (Stuttgarter Zeitung 1 mit einem Bericht aus Bad Cannstatt, Stuttgarter Zeitung 2 mit einem Bericht aus Stuttgart Süd, Stuttgarter Zeitung 3 mit einem Bericht aus Nord und Stuttgarter Zeitung 4 aus Ost) umgesetzt werden, die Parkraumbewritschaftung (oder auch Parkraummanagement genannt) nach dem Vorbild des Stuttgarter Westens.

Aus diesem Grund haben wir uns mit einer Anwohnerin aus dem Westen getroffen um die praktischen Erfahrungen mit dieser Art der Bewirtschaftung einer Ressource zu erfahren.

Zuerst einmal muss man feststellen, dass die Straße auch im Westen ein heiß umkämpfter Raum ist. Es gab je nach Straße einen Bedarf an Parkplätzen von bis zu 118% (100% = alle zur Verfügung stehenden, legalen Parkplätze sind belegt; jedes Prozent mehr bedeutet Autos illegal abgestellt). Dies konnte durch die neue Einteilung auf 98% bis 102% gesenkt werden. Das führte dazu, dass es tagsüber so gut wie kein Problem mehr darstellt einen Parkplatz zu finden. Für die Anwohner ist es von 

Vorteil, dass man tagsüber tatsächlich mal Straßen sieht, die nicht massenhaft „beparkt“ sind. Da sieht man oft erst, wie schön die Straße ist, Kinderwägen kommen problemlos über die Straße.

Nachts –  wenn alle Anwohner zu Hause sind – ist die Situation je nach Straße weiterhin katastrophal. Wenn die Straße sowieso schon überbelegt ist, hilft auch die Parkraumbewirtschaftung nicht weiter. Denn es besteht genau wie beim alten System des Anwohnerparkens kein Recht auf einen bestimmte Stellplatz. Das führt allerdings dazu, dass es einen regen Ausweichverkehr vor allem in die nicht bewirtschafteten Nachbarbezirke gibt. Deshalb soll jetzt auch der Bereich an der Hasenbergsteige in die Parkraumbewirtschaftung aufgenommen werden damit die dortigen Anwohner vom Ausweichverkehr aus dem Westen entlastet werden.

Das aber macht ein Problem deutlich: stark frequentierte Bezirke, die die Parkraumbewirtschaftung einführen, verdrängen den Verkehr aus dem Bezirk hinaus an die Ränder. Die Reduzierung von 118% Überbelegung auf 102% ist sicher nicht nur damit zu erklären, dass 16% ihre Autos abgeschafft haben. Vor allem an den Randbereichen der bewirtschafteten Straßen ist es mit wenig Aufwand verbunden einfach eine Straße weiter zu fahren um das Auto an einem nicht bewirtschafteten Straßenrand abzustellen. Durch die Bewirtschaftung ist es im Innenbereich zu einer Verbesserung gekommen, dafür werden die Randbereiche belastet. Folglich müsste das System auf alle Bezirke im Talkessel ausgedehnt werden, flächendeckend. Und die Kontrollen müssten stark ausgeweitet werden, damit sich niemand vorbeimogeln kann. Weiterhin besteht die Forderung nach einer Verbesserung des Nahverkehrs (vor allem günstigere Tarife) um Alternativen zum Auto aufzuzeigen. Und wenn man dann doch einmal ein Auto (fahrbares Transportmittel) braucht, dann steht ja immer noch das Angebot der Gemeinschaftsautos (CarSharing) zur Verfügung. Damit gibt es an vielen Stellen einen garantierten Parkplatz.

Aber wie funktioniert das genau?

Im Westen gibt es mehrere kleine Bezirke, die durchnummeriert wurden (W1, W2 und so weiter). Je nach Wohnort erhält der Anwohner gegen Bezahlung einen Ausweis für einen dieser Bezirke. Die genauen Bedingungen entnehmen Sie bitte der Seite der Stadtverwaltung.

Im Fazit lässt sich festhalten, dass die Parkraumbewirtschaftung ein kleiner Erfolg ist, allerdings ist sie stark verbesserungswürdig (flächendeckende Einführung und masivere Kontrollen). Konsequenterweise müssten wir uns alle aber selbst an der eigenen Nase packen und uns selbst fragen, ob wir das Auto wirklich brauchen! Würde es nicht auch reichen, mit dem Fahrrad zum Einkaufen zu fahren? Können wir nicht auch mit der Straßenbahn oder dem Fahrrad zur Arbeit fahren? Viele Mitbürger haben sich diese Frage bereits gestellt und das eigene Auto abgeschafft.

Alternativen zum Auto


grafik_verkehrsmittel_arbeitswegeÜber 70% der deutschen Arbeitnehmer fahren mit dem Auto zu ihrer Arbeitstelle, so die AOK.

Ähnliches meldet Statistica, die Grafik hier Statistica oder die ganze Seite mit Quellenangabe Statistica.

Das es eben auch anders geht zeigt – wieder einmal – die Schweiz. Das Präsidialdepartement der Stadt Zürich meldete im Februar 2013, für

fast 60 Prozent der Arbeitswege in die oder aus der Stadt Zürich ist das Tram, der Bus oder die Bahn das Hauptverkehrsmittel. Diese hohen Anteile sind vor allem auf den massiven Ausbau des S-Bahn-Netzes Anfang der 1990er-Jahre zurückzuführen.

Auf die Gesamtschweiz bezogen bleibt aber auch dort das Auto das wichtigste Verkehrsmittel. Die Volkszählung im Jahr 2000 hat gezeigt, dass fast 50% der Erwerbstätigen das Auto für den Weg zur Arbeit nutzen. Hier ist das gut ausgebaute Nahverkehrsnetz der Stadt Zürich eindeutig von Vorteil. Das beweist, dass es Alternativen gibt und wenn diese zur Verfügung gestellt werden, werden sie auch genutzt.

Pro Velo, der schweizerische Fahrradverband bewirbt Mit dem Velo zur Arbeit und betont unter anderem auch das Potential für das Klima und den Klimaschutz. Wie stark das Klima beispielsweise durch eine einfache Einkaufsfahrt belastet wird zeigt das Magazin Scinexx. Demnach liegt die Belastung mit

280 Gramm Kohlendioxid pro Kilogramm gekaufter Ware (Quelle Scinexx)

doppelt so hoch wie bisher angenommen, dabei reicht die Spannweite von 0 Gramm pro Kilogramm gekaufter Ware bis zu 8,8 Kilogramm pro Kilogramm gekaufter Ware. Grund dafür ist, dass 83% aller Deutschen mit dem Auto zum Einkaufen fahren, egal ob drei Kästen Wasser oder die sonntäglichen Brötchen gekauft werden, in der Stadt mit gut ausgebauten Nahverkehrssystemen weniger oft als auf dem Land.

Österreich beispielsweise bewirbt den Fahrrad- oder Fußweg zur Arbeit öffentlich und gibt Hilfestellung. Die einzelnen Länder, die Pfadfinder und Fahrradverbände beteiligen sich.

Oberösterreich radelt zur Arbeit
Radlobby Oberösterreich
Burgenland radelt zur Arbeit
Österreich radelt zur Arbeit auf der Seite der Pfadfinder.

Leider gibt es noch zu wenig ähnliche Aktionen hier bei uns. Mit dem Rad zur Arbeit oder der Stuttgarter Aktionstag Besser zu Fuß unterwegs sind da eine Ausnahme, allerdings werden diese zu wenig beworben. Dabei wäre es gerade in einer Großstadt wie Stuttgart so einfach umzusteigen. Bereits 2001 stellte eine Arbeitsgruppe im Rahmen des Stadtplanungsfroums fest:

In Stuttgart herrscht ein hohes Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs, dass aus folgenden Faktoren resultiert:
Die hohe Arbeitsplatzzentralität der Stuttgarter Innenstadt führt zu einem deutlichen Pendlerüberschuss; in gegensätzlicher Richtung sind „Erholungspendler“ zu erkennen, die aus dem dicht bebauten Stuttgarter Kessel in der Umgebung Erholung suchen.

Der Besetzungsgrad der Pkw ist – vergleichbar mit anderen deutschen Großstädten – mit 1,33 Personen/Pkw gering.

Als geeignete Maßnahme erscheint der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs, sowohl baulich als auch durch Maßnahmen der Taktverdichtung. Hierzu zählen auch Busbeschleunigungen durch die Einführung und Ausbau von Busspuren, Ampelbevorrechtigung, etc.

Ideen und Lösungsansätze sind also vorhanden, nur wer setzt sie um?

Dass das Auto noch viel zu oft auch für kurze Wege genutzt wird zeigt diese Seite: 25% aller zurückgelegten Wege sind danach 2 bis 5 Kilometer lang. Diese Strecken kann man auch mit dem Rad fahren und selbst zu Fuß noch spielend bewältigen. Jeweils noch 20% entfallen auf Strecken bis 10 Kilometer und bis 25 Kilometer. Auch diese Strecken kann man bei entsprechender Kondition noch gut mit dem Fahrrad bewältigen. Ansonsten wählt man Bus und Bahn als Alternative zum Auto. Wo es aufgrund von fehlender Infrastruktur gar nicht anders geht, bleibt das Auto als letztes Mittel. Dass ich zu Fuß oder mit dem Rad auf Strecken bis 5 Kilometer schneller bin als jedes andere Verkehrsmittel zeigt die nachfolgende Grafik.

diagramm3

Quelle: Umweltbundesamt 2008, verändert mit eigenen Berechnungen des VCD

Tipps und Hinweise wie sie mit dem Rad zur Arbeit kommen kann Ihnen ihr Arbeitgeber geben. Große Firmen haben oft eine eigene Radsportgruppe, die mit Hinweisen zu Wegstrecken aushelfen kann, außerdem bieten große Firmen ihren Mitarbeitern Umkleiden mit Duschen an. Bei kleinen Firmen ist das oftmals ein Problem, aber auch das lässt sich sicher im Gespräch mit den Verantwortlichen lösen. Ihre Krankenkasse, die Ortsgruppe vom ADFC oder vom VCD kann ebenfalls unterstützen. Fahrradrouten kann man auch im Internet einsehen, beispielsweise auf den Karten von Open Cycle Map.

Einkaufen mit dem Fahrrad ist etwas schwierig, je größer das Gewicht umso schwerer wird das Lenken und Treten. Aber auch hier gibt es von der Industrie zahlreiche Lösungen, fragen Sie den Fahrradhändler ihres Vertrauens.

Autos in der Stadt


Hier ist ein interessanter Artikel zum Thema „Besitzen junge Menschen wirklich weniger Pkw? Oder: Spaß mit Statistik“ zu finden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Altersklasse unter 40 Jahren in Stuttgart immer weniger Autos besitzt, die Alterklasse über 50 besitzt dagegen mehr Fahrzeuge als noch vor 10 Jahren, oft auch noch einen Zweitwagen. Das könnte durch geringere Einkommen und geringere Vermögen bei jüngeren Menschen und höheres Vermögen bei Rentnern erklärt werden, der demografische Wandel wird dies noch verstärken. Hinzu kommt sicher auch, dass das Auto heute nicht mehr so „DAS“ Statussymbol ist wie früher. Mit einem Auto fällt man heute nicht mehr auf, es braucht andere Dinge um sich von der Masse zu unterscheiden. Fahrräder, Uhren, Stereoanlage, Multimediageräte beispielsweise, das Auto ist dabei nur noch ein Fortbewegungsmittel von Vielen. Da wundert man sich dann auch nicht mehr, dass die großen Autohersteller so massiv in Elektromobilität, Gemeinschaftsautos (= „Car-Sharing“) und Multimedia-Anwendungen investieren. Diese richten sich nämlich vorallem an junge Menschen, deren ideelle Bindung eher zu ihrem mobilen Telefon besteht als zu ihrem Fahrzeug.

Danke an Carl vs. Karl für den Hinweis