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Solidarität und Boykott


Auszüge aus Volker Lösch’s Rede von  auf der letzten, der 250., Montagsdemo:

Erfolgreicher Widerstand hat also auch etwas mit Glaubensfragen zu tun. Und woran kann man in Stuttgart noch glauben, wem sollte man keinen Glauben mehr schenken?
Das Recht des Stärkeren wird hier derzeit im Rathaus beansprucht, und wer jemals an die Kritikfähigkeit des nicht mehr ganz so neuen OB Kuhn geglaubt hat, wird nun eines besseren belehrt. Kuhn, der noch im Wahlkampf den Stuttgarter Einkaufszentren-Bauwahn gegeißelt hat, ist inzwischen zum kritiklosen Investoren- paten mutiert. Anstatt Schaden von der Stadt abzu- wenden, lässt er sich von Konzernen ins Stammbuch diktieren:
– Statt für Alternativen gegen die Stadtzerstörung zu streiten, schwätzt er bei der „Gerber“-Eröffnung von „Wohnen und Arbeiten“, wohlwissend, das sich nur wenige Kaltmieten zwischen 13 und 17 Euro pro Quadradmeter leisten können.
– Statt zu schweigen, schwadroniert er lieber, dass die Stadt ein „elementares Interesse daran hätte, dass es dem Milaneo gut gehe“, und setzt somit die Interessen der Shopping-Mall-Vertreter mit denen der Bevölkerung gleich. Da hätte man auch Wolfgang Schuster im Amt belassen können, der hätte es nicht schöner formulieren können!
– Statt den BahnhofskritikerInnen angemessene Orte für ihren Protest zur Verfügung zu stellen, versucht er als Wortführer für Autofahrer und Konsumenten, den Bürgerinnen und Bürgern, die sich gegen die Stadtzerstörung wehren wollen, ihren angestammten
Demonstrationsort zu verbieten.
– Statt den Bahnhof als den Schwachsinn zu benennen, der er ist (was Kuhn im Wahlkampf noch getan hat), versucht er geschickt, das Vokabular der Protest-bewegung zu nutzen, um einen Pseudofrieden zu arrangieren – Zitat Kuhn: „Ich hoffe darauf, dass sich auch Menschen, die den Tiefbahnhof kritisch sehen, an der Diskussion um die bestmögliche Nutzung der frei werdenden Flächen beteiligen“.
– Statt also den Durchmarsch der Investoren in Stutt- gart wenigstens zu erschweren oder zu behindern, lädt er zum „Bürgerdialog“ zur Bebauung des Rosenstein-quartiers auf dem Gleisvorfeld ein!

[…] Desweiteren ist ihre Behauptung, die Entwicklung des Rosensteinviertels könne ein Muster für die künftige Stadtentwicklung sein, an Ahnungslosigkeit oder Dreistigkeit, je nach Betrachtungsweise, kaum zu überbieten: es ist mit lediglich 37,7 Hektar bebaubarer
Fläche (zum Vergleich: die Stadt Stuttgart hat insgesamt 20.7000 Hektar!) ein isoliertes „Grüne-Wiese-Projekt“ – es ist ein Projekt ohne jede repräsentative Relevanz!
Denn solange das Bauen nur den Marktgesetzen unter- liegt, solange Boden lediglich Ware ist, solange Konzerne sich zusammenkaufen können was sie wollen, solange Autokonzerne hofiert werden, solange die Kuhn-Politik des Schweigens, des sich Raushaltens und des „unkritischen Begleitens“ politische Praxis in Stuttgart ist, solange kann dort, wo neu gebaut wird, eben nichts Urbanes wachsen, nichts Soziales entstehen,
nichts Neues entwickelt werden, sondern nur das, was die besten Renditen abwirft! Solange Kuhn den Kretschmann macht, bleibt alles beim ganz Alten!

[…] Lieber „OB Wendehals“, sie können den Ausverkauf der Stadt gerne alleine betreiben: wer so schnell vom kritischen Begleiter (im Geiste des Widerstands gegen den Bahnhof) – zum unkritischen Gleitmittel (in den Windungen des Verdauungstrakts) der Wirtschaft
mutiert, dem sei hiermit frei nach Adorno gesagt:
Ein richtiges Leben gibt es – auch in Stuttgart – im falschen nicht!

[…] – Es sollen noch noch mehr verkaufsoffene Sonntage stattfinden?
Kaufen wir an diesen Tagen nichts mehr ein! Boy- kottieren wir diese Konsumveranstaltungen!
– Die nächste Lohnsenkungsspirale für die MitarbeiterInnen bei Karstadt wird schon
angeschoben?
Unterstützen wir die Gewerkschaften, die gegen Lohn- abbau streiten, in ihrem Protest! Gehen wir auch auf deren Demos!
– Der Geschäftsführer der Buchhandlung Wittwer will, dass ihm die Bettler und politischen Kundgebungen vom Hals geschafft werden?
Kaufen wir also unsere Bücher in Stadtteilläden ein, deren Inhaber nicht so einen Blödsinn erzählen!
– Die Mieten steigen weiter?
Unterstützen wir aktiv die Mieter-Initiativen, die für bezahlbaren Wohnraum kämpfen!
[…]
– Es sollen in Stuttgart noch mehr „Malls“ betrieben werden?
Boykottieren wir die großen Einkaufszentren, stärken wir den Einzelhandel, verbünden wir uns mit den- jenigen, die für eine urbane, nachhaltige und soziale Stadt kämpfen! Unterstützen wir alle Bürgerinitiativen, die dagegen kämpfen, dass unsere Städte von Shopping -Mall-Konzernen und Großinvestoren zerstört werden, denn der Kampf gegen Monsterbauten, gegen ‚Mallifizierung‘, der Kampf gegen „S21“ und Stadtzerstörung ist der Kampf gegen dieselben Gegner! Auch die Macher von „S21“ sehen die Stadt lediglich als
Verkaufs-und Konsummaschine!

Der Krieg der Einkaufszentren Teil 5


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Das Wirtschaftsmagazin PlusMinus des SWR hat sich in seiner Sendung vom 23.01.2013 mit dem Thema Einkaufszentren und der Frage, ob diese die Innenstädte beleben, beschäftigt. Die Bauer und Betreiber dieser Einrichtungen beteuern, dass ihre Zentren die Innenstädte beleben. Vor allem kleinere Städte haben heute zumeist verwahrloste Innenstädte. Da kommt ein Investor wie die ECE aus Hamburg, die zum Otto-Imperium gehört, oftmals gerade recht. Und es ist ja auch der letzte Strohhalm, an den sich die Bürgermeister klammern können. Sie befinden sich in einem Teufelskreis, sinkende Umsätze in den Geschäften, die Inhaber geben auf und schließen und die Bürger fahren – wenn sie nicht sogar ganz wegziehen – mit dem Auto in die benachbarte Großstadt um dort einzukaufen. Zurück bleiben nur noch Billigläden, die Plastikramsch für 1 Euro verkaufen, Wettbüros, Spielcasinos und Kneipen, in die man sich als Anwohner oder Passant noch nicht einmal tagsüber hinein traut. Dann verkommt das ganze Viertel und am Ende steht der Projektmanager der ECE vor der Tür und verspricht das Blaue vom Himmel. Die Stadt empfängt ihn wie einen Heilsbringer. Den Weg für den Investor bereitet oftmals die Stiftung „Lebendige Stadt„, die zweifelnde Bürgermeister von den wohlwollenden Absichten des Investors überzeugen soll. Wenn man die Stiftungsräte von Lebendige Stadt unter die Lupe nimmt, wird man feststellen, dass dort viele Politiker sitzen, diese sollen über ihre Kontakte die amtierenden Bürgermeister und Stadträte bearbeiten. Es sitzen dagegen keine Stadtplaner und auch keine Architekten im Stiftungsrat, die wirklich Auskunft geben könnten über Projekte.

Bis vor ein paar Jahren noch wurden Einkaufszentren auf der grünen Wiese geplant. Dieses Feld scheint aber abgegrast zu sein, denn jetzt zieht es die Betreiber in die Städte, oftmals sogar auf besonders lukrativen Einkaufsstraßen. Aber die Einkaufszentren sind so geplant, dass man als Kunde zwar rein aber nur sehr schwer wieder herausfindet. Es gibt verlockende Leuchtreklame und bunte Hinweisschilder außen, die den Weg hinein weisen aber wenige Ausgänge, dafür aber einen geräumigem und extra großen, hell erleuchteten Parkplatz, besser noch ein an das Zentrum baulich angeschlossenes Parkhaus, damit der Kunde trocken und direkt zu seinem Einkaufsvergnügen kommt. Und innen drin gibt es dann alles, was das Herz begehrt. Und nach dem Einkauf noch einen Happen essen und ein Kaffee dazu? Kein Problem, Fressbuden gibt es genug, von asiatisch bis gut bürgerlich. Dann wieder in das Auto und ab nach Hause. Die um das Zentrum herum liegenden Geschäfte sehen von den Kunden zumeist wenig. Da der Zentrumsbetreiber an den Umsätzen der Geschäfte im Zentrum beteiligt ist hat er auch wenig Interesse die Kunden in die umliegenden Geschäfte gehen zu lassen.

Quelle: PlusMinus, LobbyControl, und LobbyPedia

Ob der Niedergang der Geschäfte und der Stadtviertel den Bau der Einkaufszentren gegünstigt oder ob die Einkaufszentren Schuld haben am Niedergang lässt sich letztendlich nicht genau sagen. Wir als Kunde sind aber definitiv an dieser Entwicklung beteiligt und mitschuldig. Wenn wir unser Geld in diese Einkaufszentren tragen dürfen wir uns letztendlich über nichts wundern. In vielen Städten ist die Entwicklung inzwischen schon soweit fortgeschritten, dass die Kunden gar keine andere Wahl mehr haben. Aber wer steht am Ende dieser „Nahrungskette“? Das Einkaufszentrum scheint der weiße Hai zu sein, der keine Feinde mehr hat. Wie wird sich das Einkaufen im Internet entwickeln? Könnte es das Gift sein, dass die Haifischsuppe versalzt? Wie werden sich die kleinen Geschäftsinhaber verhalten? Letztendlich haben wir die Suppe auszulöffeln. Wir entscheiden mit unserem Geld, wie diese Suppe schmeckt.