Wie lebt es sich an der dreckigsten Kreuzung?


Ein Reporter der Süddeutschen Zeitung hat uns besucht und herausgekommen ist ein Bericht über das Leben an Deutschlands dreckigster Kreuzung.

Dass die staubige Luft nicht nur dafür sorgt, dass man öfters das Fenster putzen muss, wenn man in beispielsweise in einem der fotografierten Häuser wohnt, und dass man aufgrund von Lärm und Gestank das Fenster nicht öffnen kann, ist den geneigten Lesern der Süddeutschen Zeitung vielleicht noch bekannt.

IMG_2497_1Welche Auswirkungen der Dreck auf die Gesundheit hat, erfährt der Leser, wenn er die Verknüpfung auf der Karte auf Seite 1 des Artikel öffnet. Aber wenn der Leser dann solche Sätze ließt wie das Zitat von Carsten Bamberg vom ADAC, der sein Büro direkt an der Ecke Neckartor hat:

Direkt an der Station ist der Feinstaub gefährlich – hier im Büro mache ich mir keine Sorgen.

dann muss man sich als Bewohner einer ruhigen Wohnstraße ja eigentlich keine Sorgen mehr machen – auch wenn diese vielleicht von einer vielbefahrenen Hauptverkehrsstraße abzweigt. „Der Feinstaub ist bis zu meinem Haus doch längst verweht und verwirbelt, da kommt ja kaum noch was an. Und da unten an der Hauptverkehrsstraße wohnt ja eh keiner“. Solche Sprüche hören wir und andere, die die schlechten Luftwerte am Neckartor und anderen Straßen kritisieren, ständig.

Wie weit sich PM10 und NO2  an einer vielbefahrenen Straße ausbreitet, kann man aus dem Gutachten zum Rosensteintunnel herauslesen (Das Gutachten „Luft – engerer Planungsraum“ wurde von der Stadt Stuttgart beauftragt und vom Ingenieurbüro Lohmeyer 2011 erstellt, sie können es im Artikel zum Rosensteintunnel herunterladen und lesen).

Ausbreitung PM10 an der unteren Pragstraße, Kreuzung Wilhelma und Schwanentunnel

Ausbreitung PM10 im Jahresmittel an der unteren Pragstraße, Kreuzung Wilhelma und Schwanentunnel im Analysefall (also reale Messungsergebnisse zum Zeitpunkt der Analyse)

Ausbreitung NO2 an der unteren Pragstraße, Kreuzung Wilhelma und Schwanentunnel

Ausbreitung NO2 im Jahresmittel an der unteren Pragstraße, Kreuzung Wilhelma und Schwanentunnel im Analysefall (also reale Messungsergebnisse zum Zeitpunkt der Analyse)

Man sieht also, dass die Aussage, die Schadstoffe würden sich verwirbeln und sich nicht sehr weit ausbreiten, im Prinzip richtig ist. Aber man sieht auch, dass die Bäume, die Sträucher und die Mauer zum Schloßgarten rechts und zur Reitzensteinstraße links am Ausgang des Schwanentunnels keine Barriere für die Schadstoffe bilden. Stickoxide verbreiten sich dabei besser als der Feinstaub, der eher zu Boden fällt (der dunkelste Bereich >56 mg/m³ Luft in der Grafik NO2 ist ungefähr doppelt so breit wie der dunkelste Bereich 44 mg/m³ in der Grafik PM10).

Die Häuser in der Reitzensteinstraße sind in der Zone, deren Wert für NO2 aber immer noch bei >44 mg/m³ liegt. Wenn man die Ausbreitung von NO2 nach rechts in den Schloßgarten auf die andere Seite Richtung Reitzensteinstraße übertragen würde, den Verkehr der Reitzenstraße also aus den Werten herausnehmen würde, dann würde die Straße etwa in der grünen bis hellgrünen Zone liegen. Die Häuserseite zur Cannstatter Straße wäre also stärker belastet als die Häuserseite Reitzensteinstraße.

Und wenn man die Grafiken etwas genauer studiert, dann sieht man auch, dass die (im Vergleich zur Cannstatter Straße) relativ wenig befahrenen Straßen wie obere Nordbahnhofstraße oder die Brückenstraße, die in Bad Cannstatt von der Wilhelmsbrücke (in der oberen rechten Ecke der Grafik) abzweigt, immer noch in den Zonen Rot und Orange (>48 mg/m³ bzw. 44 mg/m³) liegen. Die Zone ist zwar wesentlich schmaler als auf der Cannstatter Straße aber es zeigt, dass auch Häuser an wenig befahrenen Straßen relativ stark belastet werden.

Aber stimmt das denn, wohnt da am Neckartor wirklich niemand? Wer wohnt denn tatsächlich an der Cannstatter Straße und am Neckartor, an der Willy-Brandt-Straße?

Wenn man von Bad Cannstatt aus dem Schwanentunnel herausfährt, dann sieht man lange Zeit links und rechts nur Bäume und Sträucher, links taucht dann eine Mauer und ein Zaun auf danach die Tankstelle. Hinter der Kreuzung Heilmannstraße steht dann links das Studentenwohnheim und dahinter der Gerichtskomplex des Amtsgerichts. Danach die zwei Jugendstilhäuser, die oben auf dem Bild zu sehen sind. Ab der Kreuzung Neckarstraße dominiert dann rechts der Betonbunker des Innenministerium und links das Hotel.

Das ist aber nur das was man sehen kann. Nicht sehen kann man die vielen Briefkästen und Klingelschilder, die auf bewohnte Häuser hindeuten. Dazu müsste man anhalten und aussteigen. Sehen kann man auch die Villastraße und die Reitzensteinstraße nicht, die nur wenige Meter neben der Cannstatter Straße verlaufen, getrennt durch die Mauer und eine Reihe Bäume. Ebenfalls nicht sehen kann man die Wohnungen an der Willy-Brandt-Straße, die in den Häusern untergebracht sind, die nach außen wie Bürohäuser wirken.

Die Stadt Stuttgart gibt allerdings keine Zahlen über die tatsächlich belasteten Anwohner heraus. Obwohl diese Zahlen vorliegen. Man müsste nur das Melderegister über die Luftschadstoffkarten legen. 2011 wurde sogar eine Volkszählung durchgeführt. Gründe, warum diese Zahlen nicht herausgegeben werden, kennen wir nicht. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man die Anwohner nicht verunsichern will. So wie einige Politiker die Messstation ja gerne abbauen oder wenigstens verlegen würden, um den Bürger nicht durch hohe Zahlen zu verunsichern.

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